Krypto: Zwischen digitalem Tatmittel und gläserner Spur
Mit der Digitalisierung von Vermögenswerten verändern sich auch die technischen Möglichkeiten der Finanzkriminalität. Kryptowährungen eröffnen neue Wege für Betrug, Diebstahl und Geldwäsche, hinterlassen auf öffentlichen Blockchains im Gegensatz zu Bargeld und vielen physischen Vermögenswerten jedoch dauerhafte und analysierbare Spuren.
Der milliardenschwere Cyberangriff auf die Kryptobörse Binance zeigt beispielhaft, wie sich Finanzkriminalität mit der Digitalisierung verändert. Ende Oktober 2026 wurden digitale Assets im Wert von mehr als 6 Mrd. US-Dollar entwendet. Entscheidend für die Einordnung ist jedoch: Angegriffen wurde nicht die Blockchain selbst, sondern die technische Infrastruktur der Kryptobörse. Der Fall ist damit weniger ein Beleg für eine Schwäche der Blockchain als für die wachsende Bedeutung von Cyberrisiken rund um digitale Finanzinfrastrukturen.
Gleichzeitig ist der Binance-Hack nur ein besonders sichtbares Beispiel eines größeren Trends. Nach Berechnungen von Chainalysis flossen 2025 mindestens 154 Mrd. US-Dollar an Adressen, die illegalen Aktivitäten zugerechnet werden. Das entspricht einem Anstieg von 162 % gegenüber dem Vorjahr. Das Spektrum reicht von Betrug und Diebstahl über Ransomware und Geldwäsche bis hin zu Darknet-Handel und Sanktionsumgehung. Zunehmend treten dabei professionell organisierte Netzwerke und staatlich unterstützte Gruppen in Erscheinung.
Damit verändert sich auch das Bild der Krypto-Kriminalität. Bitcoin steht längst nicht mehr allein im Mittelpunkt. Rund 84% des von Chainalysis erfassten illegalen Krypto-Transaktionsvolumens entfielen 2025 auf Stablecoins. Ihre Eigenschaften machen sie sowohl für legale als auch illegale Anwendungen attraktiv: Sie sind vergleichsweise wertstabil und liquide und lassen sich schnell sowie häufig kostengünstig über Ländergrenzen hinweg transferieren.
Der Fokus auf Kryptowährungen darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Finanzkriminalität weit über digitale Assets hinausreicht. Ein wesentlicher Teil illegaler Finanzströme wird weiterhin über das traditionelle Finanzsystem abgewickelt. Bargeld und physische Vermögenswerte spielen dabei weiterhin eine wichtige Rolle. Das UNODC schätzt das weltweite Volumen der Geldwäsche auf jährlich rund 2% bis 5% des globalen BIP.
Neu sind daher weniger die Mechanismen der Finanzkriminalität als vielmehr ihre technischen Möglichkeiten. Kriminelle Akteure können Vermögenswerte rund um die Uhr und innerhalb kurzer Zeit über Wallets, unterschiedliche Token, Blockchains und dezentrale Plattformen bewegen. Mixer, Cross-Chain-Bridges und spezialisierte Netzwerke können zusätzlich eingesetzt werden, um Transaktionswege komplexer zu gestalten. Die bekannten On-Chain-Geldwäscheaktivitäten beliefen sich 2025 auf mehr als 82 Mrd. US-Dollar.
Genau hier zeigt sich jedoch das Transparenz-Paradox der Blockchain. Eine verschleierte Transaktion verschwindet nicht automatisch. Auf öffentlichen Blockchains wie Bitcoin oder Ethereum bleiben die Bewegungen dauerhaft gespeichert. Nutzer agieren dabei nicht anonym, sondern zunächst pseudonym. Wird eine Wallet später einer realen Identität zugeordnet, kann ihre Transaktionshistorie rückwirkend analysiert und mit weiteren Zahlungsströmen verknüpft werden.
Kryptowährungen sind damit weder die Ursache von Finanzkriminalität noch automatisch ihr perfektes Werkzeug. Sie verändern vor allem Geschwindigkeit, Reichweite und technische Vielfalt, mit der Vermögenswerte bewegt und verschleiert werden können. Gleichzeitig schaffen öffentliche Blockchains eine dauerhaft verfügbare Datengrundlage für ihre Nachverfolgung. Die Blockchain kann deshalb beides sein: digitales Tatmittel und gläserne Beweisspur.
-- Jonathan Osswald

