Aktien nach den Midterms: Europa vorn, (US-)Technologie unter Druck
Auslöser für die divergierende Entwicklung an den Aktienmärkten war der deutliche Sieg der Demokraten. Regulierungssorgen im Bereich des KI-Ausbaus, verstärkt durch gehebelte Positionen und automatische Verkäufe setzten den Sektor unter Druck. Kurzfristig bleibt die Volatilität hoch, ein Ende des KI-Zyklus ist jedoch nicht zu erwarten.
Im Anschluss an die US-Midterm-Wahlen lieferten die globalen Aktienmärkte in den vergangenen Tagen ein stark gespaltenes Bild. Während DAX, Euro Stoxx 50 und Stoxx Europe 600 deutlich zulegten, gerieten Technologie- und Halbleiterwerte kräftig unter Druck. Besonders stark traf es die Nasdaq: Der Nasdaq Composite verlor am 5. November 5,5%, der Nasdaq 100 sogar 6,4%.
Auslöser war der überraschend klare Sieg der Demokraten. Zunächst überwogen noch die positiven Aspekte. Anleger hofften auf eine Entspannung der Handelsbeziehungen mit Europa und ein früheres Ende des Iran-Kriegs. Der Ölpreis fiel daraufhin erstmals seit Anfang Oktober wieder unter 100 US-Dollar je Barrel. Wenig später rückten jedoch die möglichen Folgen für Künstliche Intelligenz in den Vordergrund. Vergangene Äußerungen demokratischer Vertreter zu diesem Thema schürten Sorgen vor strengerer Regulierung in dem Sektor. Daher gerieten vor allem Halbleiterhersteller und andere KI-nahe Unternehmen unter Druck.
Das Ausmaß des Kurssturzes lässt sich mit diesen Regulierungsrisiken allein jedoch kaum erklären. Der politische Impuls traf auf einen stark gehebelten Markt. Gehebelte ETFs mussten nach den Verlusten zusätzliche Aktien verkaufen, um ihren vorgesehenen Hebel wiederherzustellen. Gleichzeitig reduzierten systematische Trendfolgefonds automatisch ihre Positionen. Schätzungen zufolge erzeugten beide Gruppen einen Verkaufsdruck von mehr als 70 Mrd. US-Dollar. Volatilitätszielfonds könnten weitere Verkäufe von rund 50 Mrd. US-Dollar auslösen. Auch die hohen Margin-Schulden verschärften die Lage. Im September lagen die kreditfinanzierten Wertpapierpositionen in den USA mit 1,48 Bio. US-Dollar knapp unter ihrem Rekordniveau. Fallen die Kurse, können Nachschussforderungen und Zwangsverkäufe die Abwärtsbewegung zusätzlich beschleunigen. Der Ausverkauf war daher auch ein Liquiditäts- und Hebelereignis und nicht nur eine Krise des KI-Zyklus.
Kurzfristig dürften Nachschussforderungen und die KI-Sorgen weiterhin für hohe Schwankungen sorgen. Mittelfristig sollten jedoch wieder Gewinne, freie Cashflows und die Umsetzung der KI-Investitionen in den Mittelpunkt rücken. Weder Demokraten noch Republikaner dürften den technologischen Vorsprung der USA gegenüber anderen Nationen gefährden wollen. Eine übermäßige Regulierung erscheint deshalb trotz der aktuellen Sorgen wenig wahrscheinlich.
-- Thomas Kulp

