Aktien nach den Midterms: Europa vorn, (US-)Technologie unter Druck

Auslöser für die divergierende Entwicklung an den Aktienmärkten war der deutliche Sieg der Demokraten. Regulierungssorgen im Bereich des KI-Ausbaus, verstärkt durch gehebelte Positionen und automatische Verkäufe setzten den Sektor unter Druck. Kurzfristig bleibt die Volatilität hoch, ein Ende des KI-Zyklus ist jedoch nicht zu erwarten.
 

Das Bild zeigt eine Liniendiagramm mit der Überschrift "Abverkauf bei Tech-Aktien zurzeit sehr ausgeprägt". Das Diagramm stellt die Entwicklung verschiedener Aktienindizes im Zeitraum vom 30.10 bis zum 05.11 dar (indexiert: 30.10.=100). Gezeigt werden die Indizes S&P 500, Euro Stoxx 50, DAX, Nasdaq 100, Nikkei 225 und KOSPI. Die Veränderungen der Indizes werden auf einer Y-Achse von 94 bis 104 dargestellt. Auffallend ist, dass insbesondere der Nasdaq 100, also ein Technologie-Index, in diesem Zeitraum besonders stark fiel. Die Daten stammen von Bloomberg und der DZ BANK.


Im Anschluss an die US-Midterm-Wahlen lieferten die globalen Aktienmärkte in den vergangenen Tagen ein stark gespaltenes Bild. Während DAX, Euro Stoxx 50 und Stoxx Europe 600 deutlich zulegten, gerieten Technologie- und Halbleiterwerte kräftig unter Druck. Besonders stark traf es die Nasdaq: Der Nasdaq Composite verlor am 5. November 5,5%, der Nasdaq 100 sogar 6,4%.

 

Auslöser war der überraschend klare Sieg der Demokraten. Zunächst überwogen noch die positiven Aspekte. Anleger hofften auf eine Entspannung der Handelsbeziehungen mit Europa und ein früheres Ende des Iran-Kriegs. Der Ölpreis fiel daraufhin erstmals seit Anfang Oktober wieder unter 100 US-Dollar je Barrel. Wenig später rückten jedoch die möglichen Folgen für Künstliche Intelligenz in den Vordergrund. Vergangene Äußerungen demokratischer Vertreter zu diesem Thema schürten Sorgen vor strengerer Regulierung in dem Sektor. Daher gerieten vor allem Halbleiterhersteller und andere KI-nahe Unternehmen unter Druck.

 

Das Ausmaß des Kurssturzes lässt sich mit diesen Regulierungsrisiken allein jedoch kaum erklären. Der politische Impuls traf auf einen stark gehebelten Markt. Gehebelte ETFs mussten nach den Verlusten zusätzliche Aktien verkaufen, um ihren vorgesehenen Hebel wiederherzustellen. Gleichzeitig reduzierten systematische Trendfolgefonds automatisch ihre Positionen. Schätzungen zufolge erzeugten beide Gruppen einen Verkaufsdruck von mehr als 70 Mrd. US-Dollar. Volatilitätszielfonds könnten weitere Verkäufe von rund 50 Mrd. US-Dollar auslösen. Auch die hohen Margin-Schulden verschärften die Lage. Im September lagen die kreditfinanzierten Wertpapierpositionen in den USA mit 1,48 Bio. US-Dollar knapp unter ihrem Rekordniveau. Fallen die Kurse, können Nachschussforderungen und Zwangsverkäufe die Abwärtsbewegung zusätzlich beschleunigen. Der Ausverkauf war daher auch ein Liquiditäts- und Hebelereignis und nicht nur eine Krise des KI-Zyklus.

 

Kurzfristig dürften Nachschussforderungen und die KI-Sorgen weiterhin für hohe Schwankungen sorgen. Mittelfristig sollten jedoch wieder Gewinne, freie Cashflows und die Umsetzung der KI-Investitionen in den Mittelpunkt rücken. Weder Demokraten noch Republikaner dürften den technologischen Vorsprung der USA gegenüber anderen Nationen gefährden wollen. Eine übermäßige Regulierung erscheint deshalb trotz der aktuellen Sorgen wenig wahrscheinlich.

 

-- Thomas Kulp