Smarte Brillen – mehr Durchblick mit KI

Der Markt für smarte Brillen verzeichnet ein sehr hohes Wachstum. Die KI ermöglicht neue – freihändig durchführbare – Anwendungen. Damit sich die Geräte als Alltagsbegleiter durchsetzen, müssen Dritte besser vor heimlichen Aufnahmen geschützt werden.

 

Das Bild zeigt zwei Diagramme mit Prognosen zur Entwicklung des Marktes für smarte Brillen und ähnliche Geräte. Das linke Diagramm zeigt die erwartete Entwicklung der Verkaufszahlen (in Millionen Stück) von 2024 bis 2030. Es ist ein starker Anstieg von unter 10 Millionen auf rund 40 Millionen Stück zu erkennen. Das rechte Diagramm zeigt den erwarteten Umsatz (in Milliarden Euro) im gleichen Zeitraum, wobei auch hier ein deutlicher Anstieg prognostiziert wird, von unter 4 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf etwa 20 Milliarden Euro im Jahr 2030.

 

Der Markt für smarte Brillen bzw. Datenbrillen weist dreistellige Wachstumsraten auf und bietet u.E. erhebliches Potenzial. Wichtigster Treiber ist die Integration von KI, insbesondere der Einsatz von KI-Agenten. Diese werten die aus der „Ich-Perspektive“ zufließenden Audio- und Bilddaten aus und führen eigenständig Aufgaben durch, ohne dass der Träger dazu ein Smartphone in die Hand nehmen muss. Durch die Schrumpfung von Komponenten sowie Verbesserungen bei Rechenleistung, Energieverbrauch, Gewicht und beim Design werden die Produkte unauffälliger und damit zu einem Alltagsbegleiter. Mit der zunehmenden Zahl an Anwendungen wie Echtzeit-Übersetzungen, Navigation, Objekterkennung sowie der Erstellung von Fotos und Videos bieten sie einen echten Mehrwert und gewinnen unserer Meinung nach dadurch an Attraktivität.

 

Die Produktkategorie gewann ab dem Jahr 2023 an Bedeutung, als Meta Platforms erstmals Künstliche Intelligenz (KI) und damit multimodale Fähigkeiten in die von EssilorLuxottica designten und vertriebenen Ray-Ban-Modelle integrierte. Wurden 2024 weltweit lediglich circa zwei Millionen Brillen verkauft, waren es 2025 bereits neun Millionen. Laut Angaben des US-Analysehauses Omdia stiegen die Auslieferungen im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 127%. Wir erwarten, dass der Absatz von Brillen ohne Display bzw. mit Head-up-Display bis 2030 auf 40 Millionen Stück pro Jahr steigen wird. Dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 35% im Zeitraum von 2025 bis 2030. Der Umsatz, der im Jahr 2024 noch unter der Marke von 1,0 Mrd. EUR lag, steigt laut unseren Berechnungen im Jahr 2030 auf knapp 16,0 Mrd. EUR.

 

Der mit Abstand wichtigste Treiber ist die Integration von KI-Funktionen, insbesondere der Einsatz von KI-Agenten wie „Muse“ und „Gemini“. Sie verbinden die physische mit der digitalen Welt, indem sie beispielsweise Kochrezepte nach dem „Blick“ in den Kühlschrank erstellen, oder eine Echtzeit-Übersetzung starten.

 

Technologische Durchbrüche beim Schrumpfen elektronischer und optischer Bauteile wie Akkus, Leuchtdioden, Prozessoren und Sensoren resultierten in einer deutlichen Gewichtsreduzierung und einer erheblichen Verbesserung des Tragekomforts. Dadurch wurde ein modisches Design ermöglicht, welches sich kaum von „normalen“ Brillen unterscheidet.

 

Smarte Brillen bieten einen großen praktischen Nutzen gegenüber Smartphones. Letztere erfordern häufig lästige und zeitaufwendige Handlungen (Anhalten, Tasche öffnen, Gerät halten, entsperren, tippen, wieder wegstecken). Dagegen erlauben smarte Brillen unter anderem freihändige Telefonie, den Versand von Sprachnachrichten sowie die Aufnahme von Fotos, Videos und Livestreams aus der „Ich-Perspektive“. Modelle mit Display ermöglichen darüber hinaus die visuelle Navigation mit ins Sichtfeld projizierten Karten und Pfeilen, die Einblendung von Benachrichtigungen (Börsenkurse, Sportergebnisse, Wetter), von Echtzeitinformationen zu Objekten im Blickfeld und von Texten im Stil eines Teleprompters.

Denken Sie einmal darüber nach: In welchen Situationen hat Sie das Smartphone bei der Nutzung einer App eher ausgebremst? Vielleicht ist genau dort eine smarte Brille die bessere Lösung.

 

Für Menschen mit erheblichen Seh- oder Höreinschränkungen dienen sie als technisches Hilfsmittel, das ihre Selbstbestimmung steigert und ihre soziale Teilhabe verbessert. Sie können Texte vorlesen, Objekte und Personen erkennen und benennen sowie die Umgebung beschreiben und somit die Orientierung erleichtern. Sie wandeln gesprochene Sprache in Text um, zeigen diesen auf dem Display an und filtern die Stimme des direkten Gesprächspartners in einer lauten Umgebung heraus und verstärken sie. In einer alternden Gesellschaft sind diese Funktionen von wachsender Bedeutung.

 

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten. Missbräuchliche Nutzung (z.B. heimliche Aufnahmen, die anschließend in sozialen Netzwerken eingestellt wurden), Datenschutzverstöße sowie eine wachsende Sorge vor dem Einsatz von Gesichtserkennungssoftware haben die gesellschaftliche Akzeptanz der Geräte geschwächt. Sollte es – wie beispielsweise von Norwegen gefordert – zu einer massiven Einschränkung der Nutzung im öffentlichen Raum kommen, würde dies u.E. die Motivation für den Erwerb senken und damit die Verbreitung der Brillen spürbar beeinträchtigen.

Um dies zu verhindern, müssen die Hersteller wirkungsvollere Maßnahmen zum Schutz Dritter ergreifen. Beispielsweise könnten Lichtleiter oder flexible LED-Streifen in die Fassung eingegossen werden, sodass bei Aufnahmen der gesamte Rahmen leuchtet. Zusätzlich könnte ein akustisches Signal abgegeben werden.

 

-- Ingo Wermann