Jüngste KI-Sorgen eher Korrektur als Zyklusende

Die aktuelle Korrektur bei Halbleiter- und einigen KI-Aktien ist eine selektive Neubewertung, bislang kein Signal für ein Zyklusende. Entscheidend wird sein, ob die Aussicht auf langfristig höhere Gewinne durch KI-Investitionen intakt bleibt.

 

Das Bild zeigt eine Liniendiagramm, das die Performance verschiedener Indizes und Unternehmen seit Jahresbeginn (indexiert auf 01.01.2020 = 100) vergleicht. Die Linien repräsentieren den SOX (Philadelphia Semiconductor Index), Nasdaq, S&P 500, Nvidia, Alphabet und Amazon. Die Grafik verdeutlicht, dass Nvidia (hervorgehoben durch eine auffälligere Linie) einen deutlich stärkeren Anstieg im Vergleich zu den anderen Indizes/Unternehmen verzeichnet hat, aber auch stärkere Schwankungen und zuletzt eine Korrektur auf hohem Niveau zeigt. Der Titel „Korrektur im Halbleitersektor ausgehend von hohem Niveau“ und die Beschriftungen untermauern die Fokussierung auf die Dynamik im Halbleitersektor.

 

Seit Anfang Oktober hat der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) rund 12% verloren. Auch Schwergewichte wie Nvidia, Arm, Applied Materials und Intel gaben deutlich nach. Gleichzeitig stiegen die Finanzierungskosten bei Neoclouds deutlich. Das sind spezialisierte Anbieter von KI-Rechenleistung, die oft stark fremdfinanziert sind, etwa CoreWeave.

 

Auslöser der Korrektur war eine Kombination mehrerer Faktoren. Steigende Renditen belasten insbesondere stark fremdfinanzierte KI-Geschäftsmodelle. Gleichzeitig nehmen die Sorgen vor Übertreibungen im KI-Sektor zu. Aus der Branche selbst wurden zuletzt entsprechen­de und bedeutende Stimmen laut. Neue Konkurrenz aus China im Halbleiterbereich und erste Hinweise auf eine Normalisierung der extrem hohen Wachstumsraten bei den KI-Anbietern verstärken die Skepsis. So hat sich etwa das Umsatzwachstum von Anthropic zuletzt deutlich verlangsamt.

 

Doch ein grundsätzlicher Bruch des KI-Zyklus ist bislang nicht erkennbar. Der SOX liegt zwar etwa 20% unter seinem Hoch, seit Jahresbeginn aber weiterhin gut 60% im Plus. S&P 500 und Nasdaq 100 notieren nahe ihren Rekordständen, und auch die Hyperscaler zeigen sich robust. Es handelt sich also um eine selektive Neubewertung: Unter Druck stehen vor allem hoch bewertete und stark fremdfinanzierte Unternehmen. Profitable Firmen mit starken Cashflows sind dagegen deutlich weniger betroffen.

 

Die Q3-Berichtssaison ist nun der nächste Härtetest: Bestätigen Auftragseingänge, Inves­titionspläne und Gewinne den bisherigen Wachstumspfad, dürfte die Korrektur begrenzt bleiben. Enttäuschungen könnten wegen der hohen Bewertungen dagegen deutliche Kursreak­tionen auslösen. Kurzfristig sehen wir Aufwärtspotenzial, auch weil die Hyperscaler im strate­gischen Wettbewerb kaum Anreiz haben, ihre Investitionen zu kürzen.

 

Deutlich unruhiger dürfte es im Verlauf des kommenden Jahres werden. Potenzielle Belastungen ergeben sich vor allem aufgrund hoher Bewertungen und Gewinn­erwartungen sowie auf Basis weiterhin hoher Renditen – sowohl hinsichtlich der Finanzierungsbedingungen als auch mit Blick auf die Konkurrenz für das Aktiensegment durch den Rentenmarkt. Zudem wächst die Gefahr, dass Enttäuschungen im Zuge kommender Berichtsperioden die Stimmung zumindest phasenweise eintrüben. Größtes Risiko sind mögliche Ansteckungseffekte bei einem größeren Neocloud-Ausfall. Langfristig wird entscheidend sein, ob die hohen KI-Investitionen in dauerhaft höhere Umsätze und Gewinne monetarisiert werden können.

 

-- Christoph Müller