Ölpreis über 105 Dollar: Brent im Höhenflug

Die geopolitische Risikoprämie ist mit voller Wucht an den Rohölmarkt zurückgekehrt. Die erneute Eskalation im Mittleren Osten hat den Brent-Preis zeitweise auf knapp 110 US-Dollar getrieben. Eine rasche Entspannung der Versorgungslage ist nicht in Sicht.

 

Das Bild zeigt zwei Diagramme zur Entwicklung der Rohölpreise (Brent-Öl). Das linke Diagramm vergleicht den Ein-Monats-Future-Preis mit dem Preis für physische Lieferungen von Brent-Rohöl in US-Dollar pro Barrel – hier ist ein markanter Preisanstieg im hervorgehobenen Bereich zu erkennen. Das rechte Diagramm zeigt den historischen Verlauf der Brent-Preise und gibt eine Prognose für die kommenden Jahre ab (bis 2027). Die blauen Punkte markieren die erwarteten zukünftigen Preise laut Prognose. Es wird deutlich, dass kurzfristig mit einem erhöhten Rohölniveau gerechnet wird.

 

Der Rohölmarkt hat seine jüngste Schwächephase abrupt beendet. Der Ein-Monats-Future-Kontrakt der europäischen Referenzsorte Brent ist zuletzt auf über 105 US-Dollar je Barrel geklettert und markiert damit den höchsten Stand seit Mitte Mai. Der Kassapreis für Brent zur sofortigen Lieferung hat noch dynamischer angezogen und notiert bei rund 120 US-Dollar.

 

Haupttreiber der Kursrally ist die anhaltende militärische Eskalation im Mittleren Osten. Während direkte Schläge zwischen den USA und dem Iran die Risikoprämie sprunghaft nach oben getrieben haben, drohte Teheran mit weiteren Vergeltungsschlägen, sollten die US-Angriffe anhalten. Der Tankerverkehr in der Straße von Hormus ist wieder fast vollständig zum Erliegen gekommen, da die Durchfahrt trotz laufender Minenräumungen weiterhin äußerst gefährlich ist. Zudem nahm die Huthi-Miliz gezielt Energieanlagen in Saudi-Arabien ins Visier und bedroht mit der Meerenge von Bab al-Mandab eine weitere zentrale Schifffahrtsroute.

 

In der Folge hat sich die Lage auf der Angebotsseite drastisch verschärft. Die Rohölförderung Saudi-Arabiens ist im August spürbar eingebrochen. Zum einen mussten Anlagen aufgrund von Angriffen vorübergehend stillgelegt werden, zum anderen standen notwendige Exportwege nicht zur Verfügung. Unterstützung erfährt der Ölpreis zudem von der Haltung der Internationalen Energieagentur, vorerst keine weiteren strategischen Reserven freizugeben. Nicht zuletzt ging nachfrageseitiger Rückenwind davon aus, dass China nach einer längeren Durststrecke seine Rohölimporte zuletzt wieder angekurbelt hat.

 

Eine baldige Entspannung auf dem Ölmarkt ist vorerst nicht absehbar. Solange die militärischen Attacken in der Golfregion weiter anhalten und die Straße von Hormus blockiert bleibt, dürfte der Ölpreis auf einem spürbar erhöhten Niveau verharren. Sollten sich die Angriffe auf den Schiffsverkehr in der Meerenge Bab al-Mandab im Roten Meer weiter verschärfen oder weitere Energieanlagen im Mittleren Osten beschädigt werden, wäre kurzfristig sogar mit einem weiteren Preisanstieg zu rechnen.

 

-- Linda Yu