Berlins neue Kraftwerksstrategie – Zu unambitioniert und unflexibel

Der Entwurf der Kraftwerksstrategie hat das Bundeskabinett passiert. Er bildet die Rechtsgrundlage für die Ausschreibung steuerbarer Kapazitäten. Die geplanten Anlagen sollen die Dekarbonisierung des deutschen Stromsystems unterstützen und die zukünftige Versorgungssicherheit stärken. Zielführender wäre ein konsequent technologieoffener Ansatz, der dezentrale Flexibilisierungslösungen stärker berücksichtigt.

 

Das Bild ist ein Diagramm, das die zusätzlichen Flexibilitätspotenziale im Energiesektor auf Basis erneuerbarer Lösungen bis 2035 darstellt. Es zeigt die geplanten KWK-Kapazitäten und zusätzliche Flexibilitätspotenziale in Gigawatt (GW) durch verschiedene erneuerbare Energien wie Heim- und Großbatteriespeicher, Geothermie, Wasserkraft, KWK (ohne Nordch), Erdgas und H2-ready Gaskraftwerke.

 

Nach jahrelangem politischem Ringen hat Deutschland mit der Kraftwerksstrategie (KWS) einen zentralen energiepolitischen Beschluss gefasst. Mit dem Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätsgesetz (StromVKG) schafft die Bundesregierung nun erstmals einen konkreten Förderrahmen für den Bau neuer steuerbarer Erzeugungskapazitäten. Ziel ist es, die durch den Kohleausstieg entstehende Versorgungslücke zu schließen und die Versorgungssicherheit auch in einem zunehmend von Erneuerbaren Energien geprägten Stromsystem zu gewährleisten.

 

Der Handlungsdruck ist erheblich. Durch die Stilllegung der letzten Kernkraftwerke und den schrittweisen Kohleausstieg sinkt die gesicherte Leistung in Deutschland. Gleichzeitig steigen der Strombedarf und die Spitzenlast im Stromnetz infolge der Elektrifizierung von Industrie, Wärmeversorgung und Verkehr. Laut Berechnungen der Bundesnetzagentur werden bis 2035 zusätzliche steuerbare Kapazitäten zwischen 22 und 35 Gigawatt (GW) benötigt. Derzeit sind bundesweit rund 84 GW verbaut.

 

Die neue Kraftwerksstrategie mag zwar kurzfristig die Risiken für die Versorgungssicherheit reduzieren. Beim Umfang und der Technologieoffenheit bleibt sie jedoch hinter den Erfordernissen zurück. Die geplante Leistung deckt lediglich einen Teil des von der Bundesnetzagentur identifizierten Kapazitätsbedarfs ab. Gleichzeitig schafft sie neue Abhängigkeiten, da alternative Flexibilitätsoptionen zu wenig berücksichtigt werden und der Wasserstoffhochlauf hinter den Erwartungen zurückbleibt. Dadurch erhöht sich das Risiko von Fehlallokationen und unnötig hohen Systemkosten.

 

Dabei muss die Versorgungssicherheit nicht zwangsläufig nur durch zentrale Großkraftwerke gewährleistet werden. Auch alternative Flexibilitätsoptionen wie KWK-Anlagen, Biogas, Batteriespeicher und Lastmanagement könnten einen wesentlichen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten und den Bedarf an zusätzlichen Reservekapazitäten reduzieren. In Kombination würden diese Maßnahmen unter dem Strich ein tragfähiges, günstigeres und klimafreundlicheres System ermöglichen.

 

-- Linda Yu