DAX auf Rekordkurs: Der KI-Boom als Motor gegen die Konjunktursorgen
Der deutsche Aktienmarkt beweist eine bemerkenswerte Stärke, die im Widerspruch zur gedämpften heimischen Wirtschaftsentwicklung steht. Die Performance beruht maßgeblich auf dem strukturellen Aufschwung des KI-getriebenen Halbleiterzyklus mit seinen soliden Gewinnprognosen.
Der deutsche Aktienmarkt präsentiert sich von seiner starken Seite. Trotz geopolitischer Spannungen und einer gedämpften heimischen Konjunktur hält sich der DAX stabil auf hohem Niveau. Seine starke Performance ist primär auf den weltweiten Aufschwung im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) zurückzuführen. Dieser Boom hat einen beispiellosen Zyklus in der Halbleiterindustrie ausgelöst, die das Rückgrat des gesamten globalen Technologiesektors bildet und rund die Hälfte von dessen Marktkapitalisierung ausmacht.
So erreichte der globale Halbleiterumsatz im März 2026 einen Dreimonatsdurchschnitt von knapp 100 Mrd. US-Dollar. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Hoch von 2022 und ein Wachstum von rund 80 % im Vergleich zum Vorjahr. Das Besondere an der aktuellen Rallye ist, dass die Gewinnerwartungen für diese Unternehmen schneller steigen als ihre Aktienkurse. Das bedeutet, dass die Aktien im Verhältnis zu den erwarteten Gewinnen (gemessen am KGV) nicht teurer, sondern teilweise sogar günstiger werden. Solange die Unternehmen ihre prognostizierten Gewinne von rund 60 % Wachstum tatsächlich liefern, steht die Börsenrallye auf einem soliden Fundament.
Ein weiterer unterstützender Faktor ist die Entspannung am Ölmarkt. Der Rückgang des Brent-Ölpreises unter die Marke von 100 US-Dollar stützt die Gewinnmargen durch geringere Energiekosten und verbessert die Perspektiven für die künftigen Finanzierungsbedingungen. Zwar gilt eine Zinserhöhung der EZB im Juni als ausgemachte Sache, doch nährt der gedämpfte Inflationsdruck die Erwartung, dass die Zentralbank bei den Folgeschritten vorsichtiger agieren könnte, als der Markt es mit fast drei Zinserhöhungen bis Jahresende einpreist. Allerdings beruht diese gesamte positive Entwicklung der Energiepreise auf einer fragilen Grundlage, denn der Preisrückgang spiegelt vor allem die Hoffnung auf eine Deeskalation im Nahen Osten wider. Solange die militärischen Spannungen in der Region andauern, ist dieser Pfeiler des DAX-Anstiegs jedoch jederzeit reversibel.
Auffällig ist zudem die zunehmende Abkopplung des Leitindex von der deutschen Wirtschaftsentwicklung. Während der Sachverständigenrat seine Wachstumsprognose für Deutschland für 2026 auf nur noch 0,5 % senkt, eilt der Aktienmarkt von Höhe zu Höhe. Dieser Widerspruch lässt sich damit erklären, dass der DAX von global agierenden Unternehmen dominiert wird, die von weltweiten Trends und gezielten Fiskalimpulsen, etwa im Verteidigungs- und Infrastruktursektor, profitieren.
Fazit: KI-Stärke schlägt zyklische Risiken
Insgesamt erscheint die Stärke des DAX gerechtfertigt. Sie beruht auf dem strukturellen und robusten Aufschwung des KI- und Halbleiterzyklus. Dieser Megatrend scheint stark genug zu sein, um die Risiken einer fragilen geopolitischen Lage und einer gebremsten Binnenkonjunktur vorerst zu kompensieren. Vor allem die ungelösten Konflikte im Nahen Osten und die damit verbundenen Risiken für die globalen Energiemärkte bleiben jedoch ein unberechenbarer Faktor. Für die weitere Entwicklung wird entscheidend sein, dass der Tech-Aufschwung seine ambitionierten Gewinnziele weiterhin erreicht und die zyklischen Gefahren überstrahlt.
-- Birgit Henseler

