Vom Bohrloch zur Zapfsäule: Kostenschub oder Abzocke?
Die stark gestiegenen Kraftstoffpreise belasten Unternehmen und Privathaushalte in Deutschland spürbar – Tankrabatt hin oder her. Rohölpreisanstiege werden traditionell rasch an die Zapfsäule weitergegeben, Rückgänge hingegen nur zögerlich und unvollständig. Der Rohölpreis dürfte zwar in den nächsten Monaten moderat zurückgehen. Mit Niveaus vor Kriegsausbruch ist jedoch vorerst nicht zu rechnen.
Die seit inzwischen elf Wochen andauernde Blockade der Straße von Hormus hat die Kraftstoffpreise hierzulande, aber auch im Rest der Welt massiv ansteigen lassen. Da rund ein Viertel der weltweiten Erdölproduktion aus der Golfregion stammt und Deutschland zudem teils zugehörige Derivate wie Diesel und Kerosin aus dem Mittleren Osten importiert (hat), schlugen die Versorgungsausfälle rasch an den hiesigen Zapfsäulen durch. So stieg der Benzinpreis innerhalb einer Woche nach Ausbruch des Iran-Krieges um 13%. Der Preis für Diesel überschritt bereits nach vier Tagen die Marke von 2 Euro je Liter, nachdem er zuvor bei 1,75 Euro lag.
Der Rohölpreis hat sich in den vergangenen Monaten zwar phasenweise mehr als verdoppelt. Ganz so drastisch fiel die Entwicklung an den Zapfsäulen jedoch nicht aus. Hintergrund ist die Preisstruktur der verkauften Kraftstoffe. Rund 50% des Benzinpreises entfallen auf Steuern und Abgaben, darunter Energiesteuer, CO₂-Abgabe und Mehrwertsteuer. Nur der verbleibende variable Anteil reagiert direkt auf Veränderungen des Rohölpreises. Konkret kommen von einer Rohölpreisveränderung von 10% bei Benzin nur rund 2,2% an der Zapfsäule an, bei Diesel sind es immerhin 3,8%. Bei Diesel ist der Effekt aufgrund des höheren Rohölanteils am Endpreis etwas stärker ausgeprägt.
Auffällig ist in diesem Zusammenhang die strukturelle zeitliche Asymmetrie der Preisweitergabe, auch „Rockets-and-Feathers-Effekt” genannt. Preisanstiege erreichen die Zapfsäule bereits nach wenigen Tagen, Preissenkungen hingegen erst nach über zwei Wochen. Diese Asymmetrie ist eine unmittelbare Folge der oligopolistischen Marktstruktur. Fünf Konzerne kontrollieren zwei Drittel des Marktes und können Erhöhungen durch ihr implizites Gleichlaufverhalten rasch durchsetzen sowie Senkungen verzögern.
Der aktuelle Tankrabatt der Bundesregierung – eine temporäre Senkung der Energiesteuer um rund 17 Cent je Liter brutto – dürfte daran strukturell wenig ändern. Das Referenzbeispiel aus dem Jahr 2022 zeigt, dass die Entlastung nur im ersten Monat vollständig weitergegeben wurde.
Hoffnung gibt es für die Verbraucher dennoch. So dürfte der Rohölpreis unseres Erachtens auf Sicht von drei Monaten in die Region um 90 US-Dollar je Barrel und perspektivisch sogar wieder in die Region um 70 US-Dollar nachgeben. Dieser Rückgang um etwa 35 Dollar oder rund ein Drittel dürfte den Geldbeutel an der Tankstelle spürbar und nachhaltig entlasten.
-- Linda Yu

