Märkte reagieren verunsichert auf Eskalation in Nahost
Die neuerliche Eskalation im Nahen Osten hat eine spürbare Reaktion an den Finanzmärkten nach sich gezogen. Sollte die militärische Auseinandersetzung – wie im Sommer 2025 – rasch abebben, wäre zwar nicht mit nachhaltigen Auswirkungen zu rechnen. Ein dauerhaft deutlich höherer Ölpreis hätte jedoch das Potenzial, die globale Wirtschaft und die Stimmung an den Finanzmärkten über längeren Zeitraum hinweg zu belasten.
Die Eskalation im Nahen Osten hat sichtbare Spuren an den Finanzmärkten hinterlassen. Im Fokus steht dabei die Sorge vor einer nachhaltigen Beeinträchtigung der globalen Rohölversorgung. Nicht nur könnte der Iran bis auf Weiteres als nennenswerter Produzent entfallen. Vielmehr ist die Straße von Hormus aufgrund der laufenden Kampfhandlungen momentan de facto für den Schiffsverkehr gesperrt. Rund 20% der weltweiten Rohölversorgung und bis zu 25% der Flüssiggastransporte laufen über diese Meerenge. In einer ersten Reaktion vollzog der Rohölpreis der Sorte Brent einen Sprung in den Bereich der Marke von 80 US-Dollar je Barrel – ein Plus von etwa 10% gegenüber Ende letzter Woche.
Die Sorgen vor den weltweiten wirtschaftlichen Auswirkungen eines nachhaltig höheren Rohölpreises ließen die Aktienmärkte nachgeben. Dabei fielen die Kursverluste in Europa mit rund 2% tendenziell höher aus als in anderen Industrienationen. Der S&P 500 bewegt sich laut Futures derzeit etwa 1% unterhalb der Niveaus von Ende letzter Woche, beim Nasdaq 100 und beim japanischen Nikkei sind es circa 1,5%. Unter den riskanteren Vermögenswerten zeigte sich zudem der Bitcoin – trotz seiner eher angeschlagenen Verfassung – von seiner stabilen Seite.
Gefragt waren hingegen – nach üblichem Muster – mutmaßlich sichere Häfen. Nachdem der Goldpreis bereits am Nachmittag des vergangenen Freitags moderat anstieg, legte er zum Wochenstart noch einmal gut 2% zu. Mit aktuell rund 5.400 US-Dollar je Feinunze bewegt sich der Preis für das gelbe Edelmetall nur noch knapp 4% unterhalb des Ende Januar verzeichneten Allzeithochs im Bereich von 5.600 US-Dollar.
Am Devisenmarkt zeigte sich zum Wochenbeginn der Dollar als einziger klarer Gewinner. Hier dürfte zum einen die Korrelation mit dem Ölpreis eine Rolle gespielt haben (der Dollar profitiert häufig von steigenden Ölnotierungen), zum anderen ist der Dollar mit seiner Liquidität der ultimative sichere Hafen für alle Finanzmärkte. Zwar drängte sich auch der Schweizer Franken als solcher auf, dies ist allerdings auch der Schweizer Nationalbank nicht entgangen, die sich bereits verbal in Stellung bringt und verkündete, dass angesichts der internationalen Entwicklung ihre Interventionsbereitschaft gestiegen sei. Verlierer waren dagegen die Emerging Markets, deren Währungen üblicherweise bei steigender Unsicherheit nachgeben.
Wenngleich auch US-Treasuries (USTs) und Bunds im Allgemeinen als sichere Häfen gelten, wurden sie zu Wochenbeginn diesem Charakter nicht ganz gerecht. Zwar fiel die Rendite 10-jähriger USTs zu Handelseröffnung in Asien bis auf 3,92% und damit den tiefsten Stand seit April 2025, sie stieg kurz darauf aber wieder über die Tiefs vom Freitag. Zum einen hatten die geopolitischen Sorgen bereits in der Vorwoche für eine Rallye bei Staatsanleihen gesorgt, sodass bereits eine signifikante Safe-Haven-Prämie eingepreist war. Zum anderen könnte ein dauerhaft erhöhter Ölpreis Inflationssorgen neue Nahrung liefern und die Zentralbanken vor Herausforderungen stellen.
Ölpreis bis auf Weiteres das Zünglein an der Waage
Das Ausmaß der Eskalation des Konflikts zwischen Israel, den USA und dem Iran geht zwar aktuell deutlich über die Kampfhandlungen im Sommer vergangenen Jahres hinaus. Die erste Reaktion an den Finanzmärkten fiel jedoch insgesamt vergleichbar aus. So kletterte beispielsweise auch damals der Rohölpreis in den Tagen nach Ausbruch der Kämpfe zeitweise über die Marke von 80 US-Dollar je Barrel. Auf diesem Niveau gehalten hat sich das Preisniveau indes nicht. Vielmehr setzte nach dem Ende der Kampfhandlungen rasch eine Entspannung ein. Nachhaltige Auswirkungen in anderen Finanzmarktsegmenten ließen sich ebenfalls nicht beobachten. Sofern die militärische Auseinandersetzung auch dieses Mal zeitnah beigelegt oder zumindest die Straße von Hormus wieder passiert werden kann, dürfte sich dieses Muster wiederholen.
Im Falle von Alternativszenarien, darunter eine anhaltende Gefahrenlage auf wichtigen Schifffahrtsrouten, beispielsweise durch eine über längeren Zeitraum hinweg instabile innenpolitische Lage im Iran, dürfte sich der Rohölpreis nachhaltig auf höheren Niveaus einpendeln. Auch Preise im Bereich von 100 US-Dollar sind hierbei denkbar. Eine merkliche Belastung für das globale Wachstum und damit die weltweiten Aktienmärkte sowie die allgemeine Stimmungslage an den internationalen Finanzmärkten dürfte die Folge sein. Eine erste wichtige Unterstützung würde der DAX in einem solchen Szenario im Bereich der Marke von 24.000 Punkten finden, beim Euro Stoxx 50 wäre dies bei 5.800 Zählern der Fall. Der S&P 500 kann bei rund 6.600 Punkten auf einen nennenswerten Supportbereich setzen.
-- Christian Lenk & Sören Hettler

