Schöpferische Zerstörung: Der „AI Scare Trade“
Die Euphorie um Künstliche Intelligenz (KI), die die Aktienmärkte lange Zeit beflügelt hat, weicht zunehmend einer tiefgreifenden Nervosität. Dieses Phänomen, bekannt als „AI Scare Trade“, hat eine neue, düstere Dimension erreicht. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob KI-Aktien überbewertet sind, sondern um die fundamentalen, disruptiven Kräfte, die diese Technologie auf die gesamte Wirtschaft ausüben könnte. Das Resultat ist ein Marktumfeld, in dem es kaum noch einen sicheren Hafen zu geben scheint – ein Gefühl von „No Place to Hide“
Auf der einen Seite gerät der Technologiesektor selbst unter Druck. Die Ironie dabei ist, dass die KI, die einst als großer Wachstumstreiber für etablierte Technologie-Unternehmen gefeiert wurde, nun zu einer größeren Bedrohung werden könnte. Nicht börsennotierte KI-Unternehmen wie Anthropic und OpenAI bringen neue leistungsstarke KI-Modelle für die unterschiedlichsten Anwendungsmöglichkeiten am laufenden Band auf den Markt, die oft günstiger und schneller sind als die Angebote der etablierten Unternehmen. Dies erzeugt einen enormen Kosten- und Innovationsdruck und kann unter Umständen die langfristigen Geschäftsmodelle infrage stellen. Die neuen KI-Modelle drohen dabei immer tiefer in die unterschiedlichsten Branchen einzudringen und dort das „bisherige System“ infrage zu stellen.
Dabei hat sich ein neues Muster etabliert: Sobald ein leistungsfähiges KI-Modell für eine spezifische Branche angekündigt wird, führt dies sofort zu Kursverlusten innerhalb des Sektors. Es spielt kaum eine Rolle, ob das KI-Modell nur ein einzelnes Unternehmen herausfordert oder das Potenzial hat, die gesamte Branche zu verändern. Der Markt reagiert mit einer reflexartigen Verkaufswelle, von der alle Akteure der betroffenen Branche gleichermaßen betroffen sind. Es findet eine Art „Sippenhaft” statt, bei der nicht mehr zwischen potenziellen Gewinnern und Verlierern unterschieden wird.
Dieser Druck – der potenziellen Disruption der unterschiedlichsten Geschäftsmodelle – führt zu der Erkenntnis, dass die Auswirkungen der KI weitreichender und unvorhersehbarer sind als zunächst angenommen. Selbst Sektoren, die anfangs als Profiteure der allgemeinen Verunsicherung galten, sind nicht immun. Die disruptive Kraft der KI ist so umfassend, dass kaum eine Branche vor den potenziellen Umwälzungen sicher ist. Es ist genau diese Unsicherheit, die den „AI Scare Trade“ so gefährlich macht und bei Anlegern das Gefühl hinterlässt, dass es keinen sicheren Hafen mehr gibt.
-- Markus Leistner

