Gute Zahlen, schlechte Kurse: Das Paradoxon an Europas Börsen

Europas Börsen sind solide, aber nervös. Die aktuelle Berichtssaison zeigt: Gute Gewinne allein reichen nicht mehr aus. Wir analysieren dieses Phänomen und die sich aus den aktuellen Korrekturen ergebenden Chancen.

 

Das Bild stellt ein Streudiagramm dar, das die Beziehung zwischen der pro Aktie berichteten Preisbewegung (in Prozent) auf der Y-Achse und der aggregierten Gewinnüberraschung (in Prozent) auf der X-Achse zeigt. Verschiedene Sektoren wie "Consumer Discretionary", "Real Estate", "Health Care", "Energy", "Industrials", "Technology" und "Utilities" sind im Diagramm dargestellt, um zu zeigen, wie diese auf Gewinnüberraschungen reagieren. Die Darstellung soll verdeutlichen, dass nicht jeder positive Gewinnüberraschung entsprechend auf die Aktienpreise wirkt.

 

Die europäischen Aktienmärkte zeigen sich derzeit zwar volatil, insgesamt aber robust. Interessanterweise ist es aktuell nicht die laufende Berichtssaison für das vierte Quartal, die dem Stoxx Europe 600 positive Impulse verleiht. Zwar sind die Gewinne bislang solide ausgefallen. Den Kursen dieser Indexmitglieder half dies jedoch nicht. Betrachtet man die Gesamtheit der bisherigen Meldungen, so führte eine durchschnittliche Gewinnüberraschung von rund 3% zu einer unmittelbaren negativen Kursreaktion von etwa -0,6%. Der Markt bestraft also das Übertreffen der Erwartungen im Schnitt mit Kursverlusten.

 

Ein Hauptgrund dafür ist, dass positive Überraschungen oft bereits eingepreist sind. Werden nur „gute” Zahlen geliefert, reicht dies bei hochgesteckten Erwartungen nicht aus. Dies führt zu Gewinnmitnahmen, wie es im Finanzsektor zu beobachten war.

 

Ein weiterer Grund sind sich eintrübende Aussichten. Ein starkes Quartalsergebnis ist irrelevant, wenn der Ausblick für die kommenden Quartale Unsicherheiten beinhaltet. Die Reaktion der Versorger, deren gute Zahlen von einem schwächeren Ausblick überschattet wurden, ist hierfür ein Paradebeispiel. Hier führen niedrigere Energiepreise und höhere Netzinvestitionen zu einer Eintrübung der Gewinnerwartungen.

 

Trotz guter Ergebnisse können die Kurse jener Sektoren fallen, die lange Zeit die Märkte angeführt haben. Der Grund: Investoren halten die Bewertungen für ausgereizt oder zu hoch. Eine solche Reaktion war im Technologiesektor zu beobachten. Der Sektor wies in den vergangenen Monaten eine starke Performance auf und die Bewertungen lagen über dem langfristigen Durchschnitt.

 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Stärke des Stoxx Europe 600 eine zunehmend anspruchsvolle und nervöse Grundstimmung auf Einzelaktienebene verdeckt. Solange weitere Unternehmen ihre Zahlen vorlegen, ist daher mit kurzfristigen Rücksetzern und einer anhaltend hohen Volatilität zu rechnen.

 

Wenn Aktienkurse trotz solider oder sogar übertroffener Gewinne nachgeben, führt dies zu einem Rückgang der Bewertungen. Gerade in Sektoren, deren Bewertungen zuvor als ambitioniert galten, ergeben sich dadurch attraktive Einstiegsgelegenheiten. Korrekturen in wachstumsstarken Bereichen wie dem Technologiesektor könnten unseres Erachtens daher mittel- bis langfristig Chancen bieten. Ähnliches gilt für den Industriesektor, den wir aufgrund der gestiegenen Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben mittelfristig für attraktiv erachten.

 

-- Birgit Henseler