Indien und die EU setzen auf wachsenden Handel
Zwischen Indien und der EU sollen in den nächsten Jahren fast alle bestehenden Zölle deutlich gesenkt und teilweise vollständig gestrichen werden. Auf beiden Seiten wird mit Wohlfahrtsgewinnen gerechnet. Dafür sollen aber nicht nur niedrigere Zölle sorgen. Der Abschluss eines Abkommens, das den Zuzug indischer Fachkräfte erleichtert, dürfte den Fachkräftemangel in Europa lindern.
Bestehende Zölle zwischen Indien und der EU sollen in den nächsten Jahren deutlich gesenkt und teilweise vollständig gestrichen werden, darauf haben sich die Verhandlungspartner vor kurzem geeinigt. Einige Vertragsdetails sind bereits bekannt. Letztlich ist das Abkommen für beide Seiten vor allem auch ein wichtiger strategischer Schritt, um sich angesichts der angespannten Beziehungen zu den USA wirtschaftlich breiter aufzustellen. Der bislang stark abgeschottete indische Markt wird in vielen Bereichen für Unternehmen aus der Europäischen Union geöffnet. Der Agrarsektor ist hiervon zwar weitestgehend ausgenommen, stattdessen wird es im Dienstleistungssektor in vielen Bereichen für EU-Unternehmen einen „privilegierten Zugang“ geben.
Die geplante Freihandelszone umfasst einen Markt von rund 2 Milliarden Einwohner, in dem rund ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung entsteht. Von europäischer Seite soll der Handelspakt die EU als verlässlichen Handelspartner zeigen und vor dem Hintergrund der Unsicherheit um das Mercosur-Abkommen Handlungsfähigkeit beweisen. Laut der indischen Regierung erfolgt jetzt eine mehrmonatige juristische Prüfung. Von Seiten der EU müssen noch der Europäische Rat und das Europäische Parlament zustimmen. Es ist geplant, dass das Abkommen innerhalb eines Jahres in Kraft tritt. Anschließend wird sich die Umsetzung über einen Zeitraum von bis zu 10 Jahren erstrecken.
Nicht nur niedrigere Zölle und andere Handelserleichterungen dürften auf beiden Seiten für Wohlfahrtsgewinne sorgen. Auch der Abschluss eines Mobilitätsrahmenabkommens, das den Zuzug indischer Fachkräfte nach Europa erleichtert, dürfte wichtige Impulse liefern. Nicht nur für den deutschen Arbeitsmarkt, sondern auch für andere EU-Mitglieder werden Beschäftigte aus Indien immer wichtiger.
Die indische Regierung erwartet, dass sich in Sektoren, in denen der Außenhandel liberalisiert wurde, die Produktivität der Unternehmen verbessert. So werden durch niedrigere Handelsbarrieren importierte Zwischenprodukte günstiger. Beispielsweise werden Zölle auf Maschinen aus der EU abgeschafft, die bisher bei bis zu 44% liegen. In der Regel verbessert sich die Produktivität in Schwellenländern nachdem dort die Einfuhrzölle deutlich gesenkt und gleichzeitig im Inland umfangreiche wirtschaftspolitische Reformen stattfinden. Da Ende 2025 in Indien eine umfangreiche Reformoffensive gestartet wurde, dürfte dies auch in Indien der Fall sein. Es wird intensiv daran gearbeitet, die Bürokratie zu reduzieren und das Arbeitsrecht zu liberalisieren.
-- Dr. Christine Schäfer

