EZB-Preview: Abwarten und Tee trinken

Der Einlagesatz dürfte für geraume Zeit auf dem aktuellen Niveau von 2% verbleiben. Die EZB sieht sich derzeit gut positioniert

 

Das Bild zeigt ein Diagramm, das die Entwicklung der Gesamtinflationsrate und der Kerninflationsrate über die Zeit darstellt. Die Y-Achse zeigt die Inflationsrate in Prozent, während die X-Achse den Zeitraum von 10.22 bis 10.25 abdeckt. Es ist zu erkennen, dass beide Inflationsraten im Laufe der Zeit gesunken sind, wobei die Gesamtinflation im Einklang mit dem EZB-Ziel steht und die Kernrate etwas erhöht ist. Die Datenquelle ist Bloomberg und DZ BANK.

 

Die Währungshüter signalisieren bereits seit Längerem, dass man sich mit der aktuellen geldpolitischen Ausrichtung gut positioniert sieht. Zugleich betonen die Notenbank-Oberen, dass der Ausblick für die weitere Inflationsentwicklung von ungewöhnlich hoher Unsicherheit geprägt ist. Dabei haben die Notenbanker sowohl Aufwärts- als auch Abwärtsrisiken für die Teuerungsentwicklung im Blick. Seit der letzten Zusammenkunft im Dezember hat sich am fundamentalen Umfeld nur wenig geändert. Vor diesem Hintergrund wäre alles andere als ein geldpolitisches Stillhalten bei der anstehenden Ratssitzung eine große Überraschung.

 

Inflationsentwicklung im Euroraum im Einklang mit dem EZB-Zielwert

Mit 1,9% (J/J) ist die Inflation im Euroraum zuletzt etwas unter das Zielniveau der EZB gerutscht. Gleichzeitig verharrte die Kernrate, die die volatilen Preiskomponenten Energie und Nahrungsmittel ausklammert, bei 2,3%. Perspektivisch ist davon auszugehen, dass die Inflation im Euroraum aufgrund energiepreisbedingter Basiseffekte in den kommenden Monaten unter der 2%-Marke verbleiben wird. Die zur Dezember-Ratssitzung vorgestellten EZB-Projektionen skizzieren für das erste Quartal ein Inflationsniveau von 1,9%. Nach Einschätzung der EZB-Ökonomen sollte die Teuerung im Euroraum noch für geraume Zeit auf niedrigem Niveau verbleiben. Erst für den Zeithorizont 2028 ist in den Notenbank-Projektionen ein Anstieg der Inflationsrate über die 2%-Schwelle angelegt. Bewegt sich die gesamteuropäische Teuerungsrate weiter im Einklang mit den Projektionen der Notenbank, besteht für die Währungshüter keine Notwendigkeit, von ihrem derzeitig geldpolitisch neutralen Niveau abzuweichen.

 

Inflationsausblick von hoher Unsicherheit geprägt: Auf- und Abwärtsrisiken

Die Währungshüter werden aber zugleich nicht müde, die Datenabhängigkeit des geldpolitischen Kurses zu betonen. In diesem Zusammenhang wird im jüngsten geldpolitischen Statement hervorgehoben, dass der Ausblick für die Inflationsentwicklung gegenwärtig von ungewohnt hoher Unsicherheit geprägt ist. Hierbei sind sowohl Auf- als auch Abwärtsrisiken auszumachen:

 

Die Tauben im EZB-Rat, die einer weiteren Lockerung der geldpolitischen Zügel eher zugeneigt sind, verweisen in diesem Zusammenhang unter anderem auf bestehende Zollrisiken. Diese könnten die Nachfrage nach europäischen Exporten dämpfen und somit die konjunkturelle Entwicklung bremsen. Dass diese Sorge nicht gänzlich unbegründet ist, zeigt der jüngste transatlantische Streit um Grönland. Im Zuge dessen hat die US-Administration mit neuen Zöllen auf europäische Waren gedroht. Aktuell scheint dieser Konflikt in den Hintergrund gerückt zu sein, doch bleibt ein erneutes Aufflammen von Handelsstreitigkeiten ein latenter Risikofaktor. Die US-Zollhürden könnten zudem dazu führen, dass ausländische Produzenten ihre ursprünglich für den US-Markt bestimmten Waren nach Europa umleiten. Dies könnte eine disinflationäre Tendenz bei den europäischen Verbraucherpreisen bedingen. Ein weiterer Aspekt, der potenziell dämpfenden Einfluss auf die Teuerungsentwicklung hat, ist die Entwicklung des Euro-Außenwerts. Unter anderem aufgrund der unberechenbaren Zollpolitik der US-Regierung konnte die europäische Währung gegenüber dem Dollar zuletzt wieder merklich zulegen.

 

Zinsfalken haben potenzielle Aufwärtsrisiken für die Inflation im Blick

Das Lager der Zinsfalken, welcher eher einer strafferen geldpolitischen Ausrichtung zugeneigt sind, verweisen demgegenüber auf potenzielle Aufwärtsrisiken für den Inflationsausblick. In diesem Zusammenhang wird unter anderem befürchtet, dass durch die von der US-Administration errichteten Zollschranken Lieferketten beeinträchtigt oder gar unterbrochen werden könnten, was zu einem stärkeren Preisdruck führen würde. Darüber hinaus bleibt die Abhängigkeit der europäischen Wirtschaft von kritischen Rohstoffen eine Achillesferse, die ebenfalls Preisrisiken birgt. Ein weiterer Aspekt, welchen die Zinsfalken im Blick haben ist, dass ein sich nur langsam zurückbildender Lohndruck den Rückgang der Dienstleistungspreise verzögern könnte.

 

Letztlich sind derzeit sowohl Auf- und Abwärtsrisiken für den Inflationsausblick auszumachen. Vor diesem Hintergrund erscheint die „Wait and See“ Haltung der Währungshüter angemessen. Zugleich halten sich die Notenbank-Oberen mit dem Verweis auf die Datenlage alle Handlungsoptionen offen. Wir gehen auf absehbare Zeit nicht davon aus, dass sich die aufgezeigten Risiken in die eine oder andere Richtung materialisieren, so dass bis auf weiteres von einem unveränderten Leitzinsniveau auszugehen ist. Diese Erwartung spiegelt sich grundsätzlich auch in den Erwartungen der Finanzmarktakteure wider. Die OIS-Swaps skizzieren auf Jahressicht ein unverändertes Leitzinsniveau.

- Christian Reicherter