DAX lässt die Korken zu sehr knallen, S&P 500 etwas kleinlaut

Europäische Aktien laufen gut, preisen aber schon einen etwas übertriebenen Konjunkturoptimismus ein. 2023 dürfte eher ein Jahr der moderaten Kursrenditen werden.
 

Das noch junge Aktienjahr 2023 hat europäischen Aktien und insbesondere den DAX-Anlegern bereits stattliche Kursgewinne beschert. Mit den Corona-Lockerungen in China und einer bedachteren Inflationsbekämpfung in den USA sind in der Tat zwei Schritte in die richtige Richtung für eine Stärkung der beiden Hauptabsatzmärkte der meisten DAX-Konzerne gegangen worden. Entsprechend positiv waren auch die jüngsten Kursentwicklungen, vor allem die der global-konjunktursensiblen Mitglieder im Index.

 

Hier ist allerdings mittlerweile etwas viel Konjunkturoptimismus eingepreist worden, sprich es wurden zu viele Vorschusslorbeeren vergeben. Ein DAX-Level von 14.800 Punkten reflektiert eigenen Berechnungen zufolge bereits ein stattliches Gewinnwachstum von 8% in 2023 für die Unternehmen im Index, während der Konsensus aktuell von lediglich 2% ausgeht. Diese Markterwartungen entsprechen mehr als einem normalen Börsenjahr. Investoren preisen somit eine transatlantische Rezession bereits aus und ignorieren die Risiken, die von den weiterhin bestehenden Belastungsfaktoren Inflation, Notenbankpolitik und Corona in China ausgehen. Diese Probleme sind noch nicht überstanden, hierdurch kann es immer wieder zu Marktturbulenzen und Rücksetzern kommen. Insbesondere nach dem unerwartet robusten Gewinnwachstum in 2022 von knapp 6,6% im DAX (und 7,7% im S&P 500) wäre das etwas ambitioniert. Für ein Gewinnwachstum im DAX von 8% in 2023 müssten sich die aufgezählten Großbaustellen für die Weltkonjunktur unterjährig merklich verbessern bzw. sogar ganz auflösen.

 

Für den S&P 500 preisen Marktteilnehmer derzeit ein Gewinnwachstum von 5% für 2023 ein (Konsensus 3%). Exkludiert man den Boom nach der Großen Finanzkrise und während des Trump’schen Wirtschaftszyklus, entspricht dies einer normalen US-Börsenphase der vergangenen zehn Jahre. Dennoch reflektiert dies weiterhin einen gewissen - wenn auch verhaltenen - Pessimismus gegenüber dem dominierenden US-Technologiesektor, der etwas übertrieben zu sein scheint. Hintergrund sind die Sorgen über eventuelle Gewinneinbußen aufgrund der „fast schon herbeigesehnten Rezession“, die durch die jüngsten Negativmeldungen über Ergebnisverfehlungen und Arbeitsplatzkürzungen einzelner Unternehmen bestätigt wurden. Diese Einbußen beziehen sich jedoch vornehmlich auf Überkapazitäten, die über Jahre hinweg und insbesondere in der Corona-Zeit aufgebaut wurden und nicht auf die echten Wachstumssegmente, die weiterhin im Software- und Cloud-Geschäft liegen. Die strategischen Geschäftsmodelle sind daher nicht generell in Gefahr.

 

Wir erwarten weiterhin, dass das Jahr 2023 ein Jahr der moderaten Kursrenditen wird und belassen die gesetzten Indexziele für den DAX bei 15.000 Punkten und für den S&P 500 bei 4.400 Punkten. Vor diesem Hintergrund bleiben die Allzeit-Höchststände außer Reichweite (DAX am 05. Januar 2022 16.271 Punkte, S&P 500 am 03. Januar 2022 4.796 Punkte).

 

-- Sven Streibel


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