VR Mittelstandsumfrage: Erwartungen fallen auf Allzeit-Tief

Der Mittelstand kann sich den Auswirkungen der Energiekrise nicht entziehen. Zwar sinkt die Bewertung der aktuellen Lage lediglich auf ein zufriedenstellendes Niveau. Die Geschäftserwartungen brechen aber stark ein.

 

 

Die Krisen kamen zuletzt in immer schnellerer Folge. Coronapandemie, Lieferengpässe, Ukraine-Krieg und die daraus resultierende Energiekrise sorgten auch im Mittelstand für immer größere Belastungen. Erschwerend kam hinzu, dass es dazwischen keine längeren Erholungsphasen gab. Wie groß die Sorgen der Mittelständler vor diesem Winter wirklich sind, zeigen die Ergebnisse unserer seit 1995 durchgeführten repräsentativen Umfrage unter mehr als 1.000 mittelständischen Unternehmen in Deutschland.

 

So haben sich die Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate nicht nur zum dritten Mal in Folge verschlechtert. Mit einem Saldo aus optimistischen und pessimistischen Antworten in Höhe von -43 Punkten rutschten die Erwartungen auf ein neues Allzeit-Tief. Im Frühjahr lagen sie noch bei -4 Punkten. Im Gegensatz zu den meisten vorangegangenen Krisen erfasst die Energiekrise zudem alle Branchen und Größenklassen.

 

Die Mittelständler bewerteten zwar auch ihre aktuelle Lage schwächer als im Frühjahr. Der Antwortsaldo sank hier aber „nur“ von 60 Punkten auf 45 Punkte. Besonders stark fiel die Eintrübung in der sehr energieintensiven Chemieindustrie aus. Diese Branche ist somit überdurchschnittlich stark vom Anstieg der Energiepreise betroffen. Das gilt auch für das Ernährungsgewerbe, das bei der Lagebewertung das Schlusslicht unter den Branchen darstellt.

 

Angesichts der hohen Kostensteigerungen und der bevorstehenden Rezession gab auch die Investitionsneigung nach, zum dritten Mal in Folge. Mittlerweile planen nur noch zwei Drittel der Mittelständler, in den kommenden sechs Monaten in ihr Unternehmen zu investieren. So gering war dieser Anteil seit der Finanzkrise nicht. Immerhin scheint sich langsam ein Ende der Höchststände bei der Preisentwicklung anzudeuten. Zumindest im Mittelstand ist in diesem Herbst der Anteil der Unternehmen leicht gesunken, die in den kommenden sechs Monaten ihre Preise erhöhen wollen.

 

Die Energiekrise zeigt auch direkte Auswirkungen auf die aktuellen Problemfelder der Mittelständler. Die Energiekosten haben in diesem Herbst den Fachkräftemangel als größtes akutes Problem abgelöst. 88% der Befragten identifizierten die gestiegenen Energiekosten als Problem für ihr Unternehmen, 80% aber immer noch den Fachkräftemangel. Auf Rang 3 der meistgenannten Problemfelder folgt die Sorge um die hohen Rohstoff- und Materialkosten (80%), vor Bürokratie (66%) sowie Lohnkosten (65%).

 

Strom- und Gaspreisbremse dürften die Unternehmen entlasten. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Unterstützung auch rechtzeitig ankommt. Dann könnten sich die Mittelständler auch in dieser Krise ähnlich robust erweisen wie schon in der Coronakrise. Die zufriedenstellende Einschätzung der aktuellen Geschäftslage ist zumindest ein Indiz, dass sie es bisher gut geschafft haben. Die ausführliche Fassung unserer Mittelstandsumfrage sowie der VR Bilanzanalyse des BVR finden Sie auf www.mittelstandsstudie.de .

 

-- Dr. Claus Niegsch


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