Digitaler Euro der EZB nimmt Form an – Banken unter Druck

Die EZB gibt sich entschlossen, den Digitalen Euro einzuführen und ihm zu einem „angemessenen“ Marktanteil zu verhelfen. Europas Geschäftsbanken reagieren hingegen insgesamt weiter zögerlich.

 

In einer Rede vor Vertretern der europäischen Finanzbranche Mitte Juni dürfte EZB-Direktoriumsmitglied Panetta die unter den Notenbankern aktuell vorherrschende Sichtweise auf den Punkt gebracht haben. „Wenn wir dabei versagen, die Nachfrage der Nutzer nach innovativen Zahlungsmethoden zu bedienen, werden andere diese Lücke schließen“. Da eine private europäische Lösung angesichts des Scheiterns der European Payments Initiative (EPI) nicht mehr unbedingt zu erwarten ist, scheint die EZB das Zepter nun endgültig selbst in die Hand genommen zu haben. Mit beeindruckender Entschlossenheit und Geschwindigkeit treibt sie ihr Projekt Digitaler Euro voran.  


Die vorrangigen Ziele und Einsatzgebiete für die künftige digitale Zentralbankwährung wurden in den vergangenen Monaten konkretisiert. Ein Anker für das Vertrauen der Öffentlichkeit und damit auch andere (private) Geldformen soll sie sein. Außerdem setzen die Verantwortlichen darauf, dass es mithilfe des Digitalen Euro gelingt, die Dominanz US-amerikanischer Zahlungsanbieter und Kreditkartenunternehmen, die auch bei Transaktionen im Euroraum vorliegt, zurückzudrängen. Für die Bürgerinnen und Bürger soll der Einsatz sicher, einfach, komfortabel, schnell und kostenlos sein. Der von der EZB priorisierte Anwendungsbereich dürfte den Laden vor Ort und das E-Commerce ebenso abdecken wie Zahlungen des Staates. Möglicherweise könnten Händler gezwungen sein, den Digitalen Euro anzunehmen.


Den Geschäftsbanken steht aller Voraussicht nach eine echte Konkurrenz zu ihrem Giralgeld ins Haus. Zwar betont die EZB bei jeder Gelegenheit, wie wichtig der Erhalt des zweistufigen Bankensystems ist, und rückt ein ums andere Mal die vorgesehene Bestandsobergrenze für die Konten des Digitalen Euro hervor. In Stein gemeißelt ist eine solche Höchstgrenze jedoch nicht, insbesondere wenn diese den Projekterfolg gefährden könnte.


Unter der Annahme, dass die EZB ihre Pläne weiterhin forsch vorantreibt, sollten sich Finanzinstitute vermehrt auf Geschäftsfelder fokussieren, die von keiner staatlichen Institution besetzt sind. Hier bietet sich der Unternehmenssektor an, für den die Blockchain-Technologie in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Europäische Finanzinstitute müssen hier kooperieren, um einen EWU-weit standardisierten Giraldgeldtoken – eine Art EUR-Stablecoin regulierter Finanzintermediäre – ins Leben zu rufen. Andernfalls könnten einmal mehr „andere die Lücke schließen“.
 


-- Sören Hettler


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