Die Talsohle am Aktienmarkt ist noch nicht erreicht

Aktuell überwiegen die Risiken eindeutig die Chancen, wir sehen daher kurzfristig weiteres Abwärtspotenzial am breiten überregionalen Aktienmarkt.

 

Ist das aktuelle Kapitalmarktumfeld bereits so negativ, dass sich wieder ein Einstieg in Aktien lohnt? Wir teilen diese Meinung nicht, denn es gibt zumindest kurzfristig gute Gründe für weitere Kursrücksetzer:

 

(1) Die (US-) Zinswende übt fortwährend Druck auf Aktienbewertungen aus. Aktien sind daher keinesfalls günstig geworden, obwohl deren Bewertungen seit Jahresbeginn stark gesunken sind. In Relation zu den „hochgeschossenen“ Anleiherenditen in den USA und speziell in Europa liegen die Bewertungen von DAX, S&P 500 und Nasdaq weiterhin auf einem Mehrjahreshoch. Die Neubewertung des überregionalen Aktienmarktes im Zuge der Zinswende ist somit noch nicht abgeschlossen.

 

(2) Das nächste Aktienmarktrisiko liegt in konkret negativen Gewinnrevisionen. Der Aktienmarkt, sprich Investoren und Analysten, scheint die steigenden Rezessionssorgen immer noch nicht vollumfänglich zu teilen, denn die breiten Gewinnerwartungen für Europa und die USA sind trotz Krisenherde mehr als robust geblieben. Die diesjährigen Aktienkursverluste scheinen somit ausschließlich auf Bewertungseinengungen zurückzugehen. Viele Analysten waren aufgrund der Vielzahl aufkeimender Unsicherheiten in diesem Jahr zögerlich bei der Anpassung ihrer Gewinnschätzungen. Die bald anbrechende Berichtssaison zum zweiten Quartal 2022 könnte nun Aufschluss über konkrete Auswirkungen des wirtschaftlichen Umfeldes geben. Im Zuge dessen sind negative Anpassungen der Gewinnerwartungen wahrscheinlich.

 

Wir halten trotz Verschärfung der Kapitalmarktsituation an unserem Basisszenario der Indexprognosen für 12/2022 (DAX: 14.500; S&P 500: 4.000) und 06/2023 (DAX: 15.700; S&P 500: 4.200) aufgrund der Länge des Zeithorizontes fest. Allerdings haben wir die aktuelle Gemengelage in einem Risikoszenario antizipiert, in dem der DAX temporär bis auf 12.500 Punkte fallen könnte. Hier haben wir eine sich anbahnende Gewinnrezession (vom aktuellen Stand aus) im „höheren“ einstelligen Prozentbereich eingerechnet. Für den S&P 500 sehen wir einen möglichen Tiefstand bei 3.400 Punkten. Die angenommene Gewinnrezession wäre hier vom aktuellen Stand aus im mittleren einstelligen Prozentbereich. Ein Betrag, der nur während der großen Wirtschaftskrisen (Dotcom 2002, Finanzkrise 2008, Corona 2020) übertroffen wurde.

 

Eine Rezession könnte die Inflationsentwicklung dämpfen und damit den einhergehenden Anstieg der Anleiherenditen. Auch wenn eine Rezession alle Aktiensektoren betreffen würde, wären Zyklikern stärker gefährdet als defensive Branchen. Der zinssensible (US-) Tech-Sektor wäre dagegen weniger betroffen aufgrund des geringeren Neubewertungsdrucks und der Ertragsstärke des Sektors. Aufgrund der Sektorenzusammensetzung hätten die USA hier einen komparativen Vorteil gegenüber Europa und damit Glück im Unglück. Der US-Aktienmarkt wäre somit kurzfristig weniger anfällig für weitere Kursverluste als das europäische/deutsche Pendant.

 

-- Sven Streibel


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