EZB: Lagarde sagt Adieu

Christine Lagarde verabschiedet sich vorzeitig von der EZB: Suche nach einer Nachfolge läuft auf Hochtouren – De Cos und Knot im Gespräch.
 

Das Bild zeigt ein Liniendiagramm, das die Entwicklung der Gesamtinflationsrate (HVPI, orange Linie) und der Kernrate (blaue Linie) in Prozent (J/J) über einen Zeitraum von 02/24 bis 06/26 darstellt. Das Diagramm stammt von der Deutschen Bundesbank und veranschaulicht, dass bislang keine gravierenden Zweitrundeneffekte zu erkennen sind. In den letzten dargestellten Monaten steigt die Gesamtinflationsrate besonders stark an, während die Kernrate relativ stabil bleibt.


Noch vor der heutigen EZB-Ratssitzung wurde bekannt gegeben, dass Notenbankchefin Christine Lagarde zum 7. Februar 2027 von ihrer Position vorzeitig zurücktreten wird. Bereits seit geraumer Zeit wurde darüber spekuliert, dass die Französin den Vorsitz des Weltwirtschaftsforums übernehmen möchte. Für die Nachfolge von Lagarde werden derzeit die ehemaligen Währungshüter Pablo Hernández de Cos (Spanien) und Klaas Knot (Niederlande) gehandelt. Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hat ebenfalls jüngst ihren vorzeitigen Abschied von der EZB angekündigt. Darüber hinaus endet die reguläre Amtszeit von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane im Mai kommenden Jahres. Es ist davon auszugehen, dass auf europäischer Ebene an einem personellen Gesamtpaket gearbeitet wird.

 

EZB belässt Einlagesatz bei 2,50% - Tür für weitere Zinserhöhung bleibt offen

Die EZB-Ratssitzung als solche hat heute keine Überraschungen bereitgehalten. Erwartungsgemäß haben die Notenbank-Oberen die Leitzinsen unverändert belassen. Somit liegt der Einlagesatz weiterhin bei 2,50%. In einer ersten Marktreaktion hat sich an der marktseitigen Erwartung, dass zum Jahresausklang mit einer weiteren Straffung der Zinszügel zu rechnen ist, wenig verändert. Dem geldpolitischen Statement zufolge bestehen weiterhin sowohl Aufwärtsrisiken für die Inflation als auch Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum. Da die Energiepreise wohl noch für längere Zeit auf erhöhtem Niveau verharren, ist zu befürchten, dass der Teuerungsdruck aufgrund von Zweitrundeneffekten an Breite gewinnt. Unter dem Eindruck des Anstiegs des Risikoaufschlags für französische Staatspapiere sowie von Spreadausweitungen auch in anderen Euroländern merkt die Notenbank an, dass sich die Finanzierungsbedingungen seit der letzten Zusammenkunft der Währungshüter im September verschärft haben. Nach Einschätzung der EZB könnte dies die Inflation und das Wachstum dämpfen. Die Notenbank-Oberen halten an ihrer bewährten Formulierung fest, wonach weiter von Sitzung zu Sitzung über die Angemessenheit des eingeschlagenen geldpolitischen Kurses beraten werde.

 

Update der Konjunktur- und Inflationsprojektionen ebnet Weg für Zinsschritt

Wir gehen fest davon aus, dass die europäischen Währungshüter im Dezember ein weiteres Mal an der Zinsschraube drehen und den Einlagesatz um 25 Basispunkte auf 2,75% anheben werden. Die Notenbank bliebe damit ihrem im Juni etablierten Rhythmus treu, geldpolitische Anpassungen vorzugsweise auf denjenigen Sitzungen zu beschließen, auf denen auch die aktualisierten Konjunktur- und Inflationsprognosen präsentiert werden. Angesichts einer absehbaren Aufwärtsrevision des Inflationsausblicks dürfte damit der nächste Straffungsschritt aus Sicht der EZB-Führung gerechtfertigt sein.

 

-- Christian Reicherter