Risikoszenario Iran: Was passiert, wenn das Öl knapp wird?

Der Krieg im Iran dauert an. Während wir in unserem Hauptszenario weiterhin davon ausgehen, dass der Druck auf beide Seiten groß genug ist, um eine Einigung zu ermöglichen, steigen die Risiken, dass die Sperrung der Straße von Hormus bestehen bleibt. Dies würde nicht ohne Folgen für Wirtschaft und Finanzmärkte bleiben. 

 

Das Bild zeigt ein Balkendiagramm, das den weltweiten Angebotsverlust an Öl durch eine Seeblockade mit den verschiedenen Kompensationswegen vergleicht. Auf der linken Seite wird der Gesamtverlust durch die Seeblockade (in Mio. Barrel pro Tag) dargestellt, während auf der rechten Seite die Kompensationsmöglichkeiten (wie Lagerabbau, Nachfragereaktion, Exportumleitung etc.) als gestapelte Balken dargestellt sind. Die Grafik zeigt, dass die Angebotslücke durch verschiedene Maßnahmen deutlich kleiner ausfällt als ursprünglich befürchtet.

 

Die globale Ölversorgung hält bislang – doch die Puffer schwinden. Seit mehr als fünf Monaten ist der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus nahezu zum Erliegen gekommen. Gedrosselte Nachfrage, erste Rationierungen, höhere Fördermengen außerhalb der Golfregion, alternative Transportwege und vor allem die Freigabe strategischer Reserven haben eine akute physische Knappheit bislang verhindert. Diese Anpassungsfähigkeit hat den ersten Schock gedämpft, kann die strukturelle Angebotslücke aber nicht dauerhaft schließen. Entscheidend ist, wie lange die Blockade anhält. Im Hauptszenario bleibt eine politische Einigung möglich. Das Eskalationsrisiko ist jedoch beträchtlich: Scheitern die Gespräche und gerät zusätzlich die Route durch Bab al-Mandab dauerhaft unter Druck, würde sich das verfügbare Angebot weiter verringern.



Während China über vergleichsweise große Bestände verfügt, erreichen Europa und die USA ihre physischen beziehungsweise politischen Sicherheitsgrenzen deutlich früher. Besonders angespannt ist die Lage bei raffinierten Produkten. Im Eskalationsszenario sind deshalb sektorale Versorgungsengpässe in Logistik, Luftfahrt und Petrochemie wahrscheinlich. Der Energieschock würde sich 2027 somit verfestigen. Brent könnte im Jahresdurchschnitt zwischen 105 und 115 US-Dollar je Barrel kosten, europäisches Erdgas zwischen 55 und 65 Euro je MWh. Für Nettoenergieimporteure wie die Eurozone und viele asiatische Volkswirtschaften bedeutet dies zugleich höhere Produktionskosten, eine schwächere Nachfrage und zusätzlichen Inflationsdruck.



Europa und Deutschland wären besonders hart getroffen. Produktionsausfälle in energie- und rohstoffintensiven Industrien, steigende Kosten und eine nachlassende Auslandsnachfrage führen die Eurozone in eine Stagflation, zeitweise gar in eine Rezession. Für Deutschland rechnen wir im Risikoszenario 2027 mit einem leichten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts, während die Inflation im Euroraum im Jahresdurchschnitt auf fast 4% steigt. Die Zentralbanken stehen damit vor einem schwierigen Zielkonflikt. Um ein Entgleisen der Inflationserwartungen zu verhindern, müssten EZB und Fed trotz schwacher Konjunktur weiter straffen. Im Eskalationsszenario steigt der EZB-Einlagesatz auf bis zu 3,25%; auch die Fed hebt ihren Leitzins zweimal um jeweils 25 Basispunkte an. Steigende Renditen und flachere Zinskurven verschärfen den Gegenwind für Konjunktur und Finanzmärkte.

 

Aktien geraten in den Zangengriff von Ölpreisen, Rezessionsrisiken und restriktiver Geldpolitik. Besonders anfällig ist der DAX mit seinem hohen Gewicht energieintensiver Industrie- und Chemiewerte. Bis Ende 2026 erwarten wir im Eskalationsszenario Rückgänge von rund 15% im DAX, 12% im Euro Stoxx 50 und 10% im S&P 500. Im ersten Halbjahr 2027 dürfte eine verhaltene Teilerholung einsetzen – vorausgesetzt, der Inflationsdruck stabilisiert sich und das Ende des geldpolitischen Straffungszyklus wird absehbar.

 

- Sonja Marten