Chinas Wirtschaft schaltet vorübergehend einen Gang zurück
Belastungen durch den Iran-Krieg trafen im Frühjahr auf eine ohnehin schwache Binnenkonjunktur in China. Das Wirtschaftswachstum bremste im zweiten Quartal deutlich ab. Die Vorzeichen für das laufende dritte Quartal sind aber schon wieder besser, vor allem dank der starken Exporte.
Auch die chinesische Wirtschaft kann die Belastungen durch den Nahost-Krieg und die gestiegenen Energiepreise nicht einfach abschütteln: Im zurückliegenden zweiten Quartal hat das Wirtschaftswachstum einen Gang zurückgeschaltet und bremste deutlich von 5,0 auf 4,3% (J/J) ab. Damit wurden nicht nur die bereits vorsichtigen Markterwartungen unterboten. Der Wert blieb auch unter dem diesjährigen Wachstumsziel von „4,5 bis 5%“, was in China immer ein Signal wirtschaftlicher Schwäche ist. In der Vorquartalsrate (Q/Q) fiel das Wirtschaftswachstum mit 0,9% oder auf das Jahr hochgerechnet rund 3½% sogar noch stärker aus dem Zielkorridor heraus.
Tief gespaltene Konjunktur
Details der Konjunkturdaten zeigen eine Wirtschaft, die mit völlig unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs ist: Energiepreisschock und Lieferausfälle trafen im Frühjahr auf eine ohnehin strauchelnde Binnennachfrage. Die bestehende Konsumschwäche vertiefte sich, auch in der Industrie machte sich das Fehlen der Rohöllieferungen aus der Golfregion vorübergehend bremsend bemerkbar. Besonders gravierend aber ist der anhaltende Abschwung in der Bauwirtschaft, die inzwischen seit fünf Jahren schrumpft, ohne dass es Anzeichen für eine Bodenbildung gibt – eine Entwicklung, die schwer auf der Konsumbereitschaft der Verbraucher lastet.
Auf der anderen Seite brummt der Exportsektor gewaltig, das haben die jüngsten Außenhandelszahlen wieder eindrucksvoll belegt. Um 27% lagen die Ausfuhren im Juni gegenüber dem Vorjahr im Plus, im gesamten zweiten Quartal um rund 20%. Chinas Exportindustrie verfolgt zwar schon seit einigen Jahren eine offensive Exportstrategie. Mit der Energiekrise haben aber nicht nur „grüne“ Exporte (E-Autos, Batterien und Solarpaneelen) zusätzlichen Auftrieb erhalten, auch die räumliche Nähe zu den asiatischen Nachbarn macht sich angesichts stark gestiegener Transportkosten bezahlt, die Ausfuhren in die Region steigen stark. Damit erweist sich China sogar ein Stück weit als Profiteur der Nahost-Krise. Darüber hinaus sind im Zuge des globalen KI-Booms zunehmend auch IT-Produkte aus China gefragt. Gerade Halbleiter und Bauteile für Rechenzentren haben zuletzt wichtige Beiträge zum hohen Exportwachstum geleistet.
Ausblick: Wachstumsziel dürfte knapp eingehalten werden
Für den Moment scheint die größte Belastung durch den Energieschock überwunden. Industrie und Einzelhandel konnten sich im Juni erkennbar erholen. Zusammen mit den kräftigen Exporten sind dies gute Zeichen für das soeben begonnene dritte Quartal, das wieder ein etwas höheres Wirtschaftswachstum ausweisen dürfte. Damit sollte es auch gelingen, den angepeilten Wachstumskorridor in diesem Jahr knapp zu erreichen. Risiken für den Ausblick bleiben allerdings mit der schwer kalkulierbaren Fortentwicklung in der Krise am Persischen Golf.
Ihre Zweiteilung wird die chinesische Wirtschaft allerdings beibehalten: Der Bausektor dürfte in der Rezession verharren. Ob eine Stärkung des Konsums gelingt, wie von der Regierung im jüngsten Fünfjahresplan versprochen, ist fraglich. Zumindest ist der Plan, die Sozialsysteme zu stärken, ein Schritt in die richtige Richtung – ob er konsequent umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Damit wird der Export auch weiterhin der wichtigste Wachstumsträger für die chinesische Wirtschaft bleiben. Das ist nicht nur für China relevant, auch die deutsche Exportindustrie wird sich weltweit wohl noch stärker mit Konkurrenzprodukten aus China konfrontiert sehen.
-- Monika Boven

