Krieg im Nahen Osten: Von MAGA zu MIGA („Make Iran Great Again“)
Die Lage im Nahen Osten eskaliert weiter, der Ausgang bleibt ungewiss. Weiterhin ist nicht klar, welches Ziel die US-Regierung genau verfolgt, die Aussagen der Regierungsvertreter hierzu sind zum Teil widersprüchlich. Zuletzt scheint zumindest Präsident Trump den Fokus wieder vermehrt auf einen Regimewechsel zu lenken: am Freitag hatte er auf Truth Social angekündigt, dass er nur eine bedingungslose Kapitulation des Iran mit anschließender Ernennung einer neuen „great & acceptable“ Regierung akzeptieren werde.
Unklar bleibt indes, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Der Finanzmarkt reagierte zunächst erstaunlich besonnen, heute Morgen sind jedoch erste Anzeichen von Panik zu verspüren. Die Überzeugung, dass Trump schon bald das Interesse an diesem Krieg verliert, ihn als „erfolgreich beendet“ erklärt und sich anderen Themen zuwendet, schwindet.
Doch der innenpolitische Druck wächst. Steigende Benzinpreise und fallende Aktienmärkte sorgen für Unmut, selbst unter treuen MAGA-Anhängern. Zumal es der US-Regierung bislang nicht gelungen ist, dem Volk glaubhaft zu vermitteln, dass dieser Krieg notwendig war und ist. Ein Deeskalationsszenario, in dem Trump den Krieg in den kommenden Wochen beendet, ist somit weiterhin gut vorstellbar. Wird dann auch die Straße von Hormus wieder geöffnet, dürfte es nicht lange dauern, bis sich der US-Präsident damit rühmt, nach Venezuela nun den Iran „in den Griff“ bekommen zu haben. „A tremendous success“.
Für den Kapitalmarkt, aber auch die ohnehin stark gebeutelte deutsche Wirtschaft wäre ein solches Deeskalationsszenario fraglos wünschenswert. Die aktuellen Marktbewegungen werden zwar ihre Spuren in den Statistiken hinterlassen, dies sind jedoch vorübergehende Effekte, die den Wachstums- und Inflationsausblick 2026-2027 nicht nennenswert beeinträchtigen würden. Selbiges gilt für den Kapitalmarkt, der sich von seinem Schreckensmoment ebenfalls schnell erholen dürfte.
Das große Risiko liegt woanders. Die USA ziehen sich zurück und stellen fest, dass sie in der Region einen Flächenbrand entfacht haben, den sie nicht mehr kontrollieren können. Eine Rückkehr zum vorherigen Status Quo wäre nicht mehr möglich, ein dauerhaft höherer Ölpreis hingegen fast unvermeidlich. Wie hoch sich der Preis schraubt, ist dann eine direkte Funktion des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus. Kommt es lediglich zu leichten Einschränkungen, wäre ein Ölpreis von 80 Dollar pro Barrel anzunehmen. Im schlimmsten Fall sprechen wir jedoch von Durchschnittspreisen jenseits der Marke von 100 Dollar über einen längeren Zeitraum. Ersteres wäre sicherlich noch zu verkraften, lautet die Daumenregel doch, dass pro 10 US-Dollar Anstieg im Ölpreis das Wachstum um 0,1 Prozentpunkte niedriger ausfällt, während die Inflation im gleichen Maß zulegt.
Steigt der Preis jedoch weiter, ändert sich die Qualität des Schocks. Was bei 80 Dollar noch ein kalkulierbares Risiko ist, wird ab 100 Dollar zu einem handfesten stagflationären Problem – mit Zweitrundeneffekten bei der Inflation und Wachstumseinbußen, die sich über Lieferkettenstörungen und Konsumzurückhaltung global hochschaukeln. Zentralbanken wären gezwungen, mit höheren Leitzinsen auf steigende Inflationserwartungen zu reagieren, was die Inflation nicht eindämmen, jedoch das Wachstum zusätzlich belasten würde.
Während ein Ölpreis um 60-65 Dollar das Best-Case-Szenario ist und ein nachhaltiger Anstieg auf 80 Dollar verkraftbar wäre, stellt der dauerhafte Anstieg auf über 100 Dollar ein echtes Stress-Szenario dar. Mit entsprechenden Auswirkungen auf die Kapitalmärkte in Form steigender Renditen, von Spreadausweitungen, fallender Aktienmärkte und eines stärkeren US-Dollars wäre zu rechnen.
-- Sonja Marten

