China: Aktuelle Corona-Welle erhöht Konjunkturrisiken deutlich

In China steigen die Corona-Zahlen so hoch wie während des Schanghai-Lockdowns im Frühjahr, die Einschränkungen sind bislang jedoch weniger streng. Ein erneuter Konjunktureinbruch bleibt aber ein Risiko.
 


An den Finanzmärkten mögen die stark steigenden Corona-Zahlen in China schon wieder ein gutes Stück abgehakt sein, weniger kritisch ist das Infektionsgeschehen in der Volksrepublik deshalb aber nicht zu sehen – insbesondere nicht mit Blick auf die Konjunktur des Landes. Gestern ist die Zahl der täglichen Neuinfektionen auf über 29.000 gestiegen und lag damit nur noch ganz knapp unter dem bisherigen Höchststand vom Frühjahr dieses Jahres, als ein vor allem in der Wirtschaftsmetropole Schanghai verhängter Lockdown die chinesische Wirtschaft um rund 3% einbrechen ließ. Momentan halten sich die Meldungen über ähnlich rigorose und weitreichende Einschränkungen wie seinerzeit in Schanghai zwar in Grenzen, doch die Zahl der Städte und Stadtteile, die von der Außenwelt abgegrenzt werden, nimmt zu. Fraglich ist, ob es sich bei dem derzeit immer noch vergleichsweise zurückhaltenden Vorgehen bereits um einen Strategiewechsel in der Null-Covid-Politik handelt, wie ihn die Zentralregierung unlängst angedeutet hat, oder ob die regionalen Behörden mit den vage formulierten Vorgaben aus der Hauptstadt schlichtweg überfordert sind und das Infektionsgeschehen außer Kontrolle zu geraten droht.

 

Zumindest stellt sich die Infektionslage derzeit etwas anders dar als vor einem halben Jahr, was positive, aber auch negative Aspekte mit sich bringt. Im Frühjahr war der Ausbruch hauptsächlich auf Schanghai begrenzt und hob die 7-Tage-Inzidenz dort auf Werte über 700 – also ein Niveau, das man auch hierzulande als hoch bezeichnen würde. Wahrscheinlich war die Welle wirklich nur mit strengen Einschränkungen zu brechen. Dagegen verteilt sich der Ausbruch aktuell über das ganze Land. Einzelne Regionen kämpfen zwar jeweils mit den höchsten Fallzahlen seit Pandemie-Beginn, die Inzidenzen sind mit knapp 30 (Peking), 50 (Guangdong) beziehungsweise 120 (Chongqing) aber immer noch vergleichsweise moderat. Damit besteht eine Chance, dass es tatsächlich gelingt, das Infektionsgeschehen mit noch gezielteren, regional begrenzten Einschränkungen in Schach zu halten. Die allmählich wieder sinkenden Infektionszahlen in Guangdong könnten darauf hindeuten. Steigen die Inzidenzen hingegen ungebremst weiter und die Behörden reagieren darauf doch noch mit einer Verschärfung der Maßnahmen wie in Schanghai, könnten die konjunkturellen Folgeschäden sogar größer ausfallen als im Frühjahr, da weit mehr wirtschaftlich relevante Regionen betroffen wären.

 

Die Risiken für die chinesische Konjunktur steigen derzeit also wieder. In unserer aktuellen Prognose gehen wir zwar davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in China nach dem starken Rebound vom Sommer im laufenden Quartal schon aufgrund der aktuell weit verbreiteten punktuellen Einschränkungen wieder deutlich abbremst. Ein erneuter Einbruch der Wirtschaftsleistung durch einen großflächigen Lockdown bleibt jedoch ein Risikoszenario. Träte es ein, würde das chinesische Wirtschaftswachstum 2023 wohl eher bei 3% liegen wie in diesem Jahr – womöglich sogar noch darunter – anstatt sich wie wir aktuell prognostizieren auf über 4% zu beschleunigen.

 

-- Monika Boven


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