Trendwende am Rentenmarkt?

Vor dem Hintergrund einer drohenden Rezession sollten die Risikoprämien von Anleihen eigentlich zunehmen. Am aktuellen Rand ist jedoch das Gegenteil der Fall. Sind das Vorboten einer Trendwende?

 

Eine Rezession in der Eurozone in naher Zukunft scheint fast unvermeidlich. Die anhaltend hohen Energiepreise, Lieferengpässe aufgrund der Null-Covid-Politik in China und eine hohe Ungewissheit über den weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs sind starke Belastungsfaktoren für die Konjunktur. Im Rahmen eines Rezessionsszenarios nehmen die Risikoaufschläge im Rentenmarkt für gewöhnlich zu. Bis vor Kurzem war das auch noch der Fall. Im Investment-Grade-Sektor notierten beispielsweise Bankanleihen zur Jahresmitte noch mit einem durchschnittlichen Risikoaufschlag gegenüber laufzeitkongruenten Bundesanleihen in Höhe von 170 Basispunkten (Bp.). Mitte Oktober betrug die Risikoprämie in der Spitze gut 260 Bp. Doch am aktuellen Rand beziffert sich der Risikoaufschlag nur noch auf 215 Bp. Zuletzt ist es also zu einem deutlichen Rückgang der Risikoprämien gekommen, der sich zeitgleich auch in allen anderen Rentenmarktsegmenten gezeigt hat, wenngleich mit einer geringeren Dynamik.



Kündigt sich am Rentenmarkt somit eine Trendwende an? Die Antwort auf die Frage beinhaltet das allseits bekannte „es kommt darauf an“. Es kommt darauf an, wie ausgeprägt eine eventuelle Rezession wird. Ist es in den vergangenen 15 Jahren in der Eurozone zu einer tieferen bis sehr tiefen Rezession gekommen, wie in den Jahren 2008/09 und 2019/2020, oder auch zu einer länger anhaltenden leichten Rezession (2011/12), so sind die Risikoaufschläge (versus Bundesanleihen) im High-Yield-Sektor im Durchschnitt auf Werte jenseits von 800 Bp. gestiegen. Das verwundert keineswegs, denn im Rahmen einer Rezession nehmen üblicherweise die Insolvenzen in den Reihen der Emittenten mit einer Bonität unterhalb des Investment-Grade-Sektors deutlich zu, was wiederum in stark steigenden Risikoaufschlägen zum Ausdruck kommt. Während der nur sehr leichten und kurzen Rezession zum Jahreswechsel 2020/21 wurden die High-Yield-Risikoaufschläge im Vorfeld im Bereich von 450 Bp. gehandelt. Derzeit stehen bei der Risikoprämie 530 Bp. zu Buche. Wird der aktuelle Wert im zuvor beschriebenen historischen Kontext von Rezessionsphasen eingebettet, so ist am aktuellen Rand eine leichte bis mittelschwere Rezession eingepreist. Kommt es am Ende zu keiner oder nur einer leichten bis mittelschweren Rezession, ist die Wahrscheinlichkeit von weiter fallenden Risikoaufschlägen in den kommenden Quartalen hoch. Kündigt sich hingegen eine schwere Rezession an, ist mit einem erneuten Anstieg der Risikoaufschläge zu rechnen.

 

-- Günther Scheppler


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