Aktienmärkte: Der KI-Boom wird selektiver

Der KI-Boom bleibt ein wichtiger Treiber der Aktienmärkte, doch Anleger schauen zunehmend genauer hin. Entscheidend ist, welche Unternehmen starkes Gewinnwachstum erzielen und zugleich einen hohen freien Cashflows erwirtschaften können.

 

Das Bild stellt ein Liniendiagramm dar, das die Entwicklung des operativen Cashflows, der Investitionen und des freien Cashflows von sogenannten Hyperscalern (vermutlich große Technologieunternehmen) im Zeitraum von Q1 2023 bis Q1 2025 zeigt. Die Werte sind in Milliarden US-Dollar angegeben. Die Legende zeigt, dass unterschiedliche Linien jeweils den operativen Cashflow (blau), die Investitionen (orange) und den freien Cashflow (grau) darstellen. Es ist zu erkennen, dass die Investitionen einen Großteil des operativen Cashflows beanspruchen und der freie Cashflow dementsprechend geringer ausfällt.

 

Das Thema Künstliche Intelligenz treibt die Aktienmärkte zwar weiterhin an, allerdings wird der Boom selektiver. Die jüngsten Zahlen aus der Halbleiterbranche zeigen, dass die Nachfrage nach Rechenzentren und leistungsfähiger Hardware weiterhin hoch ist. Gleichzeitig reagieren Anleger deutlich zurückhaltender als noch vor einigen Monaten. Gute Geschäftszahlen allein reichen nicht mehr aus, um die Kurse einer ganzen Branche nach oben zu treiben.

 

Vom Versprechen zum Geschäftsmodell

In der ersten Phase genügte vielen Unternehmen der Hinweis auf KI, um große Erwartungen zu wecken. Danach rückten die milliardenschweren Investitionspläne der Technologiekonzerne in den Mittelpunkt. Jetzt weicht die anfängliche Euphorie einer zunehmend kritischeren Betrachtung. Die Investoren fragen sich, welche Unternehmen nachhaltig von diesem Trend profitieren werden. Gefragt sind nachweisbare Umsätze, steigende Gewinne und ein freier Cashflow nach Investitionen, der sich belegen lässt.

 

Für den KI-Boom spricht, dass er bislang von kräftigen Gewinnen getragen wird. So steigerten die großen Cloud-Anbieter ihr operatives Ergebnis im zweiten Quartal 2026 deutlich. Auch außerhalb des Technologiesektors macht sich die Entwicklung bemerkbar: Der hohe Strombedarf der Rechenzentren sorgt für zusätzliche Investitionen bei Energieversorgern, Netzbetreibern und Infrastrukturunternehmen. Die Wertschöpfungskette reicht inzwischen vom Chip bis zum Stromnetz.

 

Hohe Investitionen bergen jedoch auch hohe Risiken

Die Risiken liegen weniger in der Technologie selbst als in ihrer Finanzierung. Bewertungen und Marktkonzentration sind hoch, während die Investitionen vieler Konzerne schneller wachsen als ihre operativen Ergebnisse. Bei einzelnen Unternehmen übersteigen sie bereits den operativen Cashflow. Damit wird der Ausbau stärker von Anleihen, Kapitalerhöhungen und günstigen Finanzierungsbedingungen abhängig. Steigende Zinsen oder Überkapazitäten könnten Rückschläge deshalb verschärfen.

 

Hinzu kommt eine enge finanzielle Verflechtung innerhalb der Branche. Chipentwickler, Cloud-Anbieter und Rechenzentrumsbetreiber sind stark voneinander abhängig. Echte Erlöse von Kunden außerhalb des Technologiesektors spielen bislang eine untergeordnete Rolle. Besonders anfällig sind spezialisierte Cloud-Dienstleister, die teure Hardware auf Kredit kaufen und an junge KI-Unternehmen vermieten. Bleibt deren Geschäft hinter den Erwartungen zurück, drohen Zahlungsausfälle und ungenutzte Kapazitäten.

 

Die Trennung zwischen Gewinnern und Verlierern wird schärfer. Unternehmen überzeugen vor allem dann, wenn sie mit KI bereits messbare Erlöse erzielen, ihre Gewinne steigern und trotz hoher Ausgaben finanziell beweglich bleiben. Das KI-Etikett allein reicht nicht mehr aus.

 

Für Anleger spricht dies für eine breite Streuung über Halbleiter, Infrastruktur, Energie und Anwendungen. Bei der Auswahl einzelner Unternehmen werden der freie Cashflow, die Verschuldung und das belegbare Wachstum der KI-Erlöse immer wichtiger. Der KI-Boom hat weiterhin Substanz, doch die Zeit pauschaler Vorschusslorbeeren ist vorbei.

 

-- Birgit Henseler