(Un-)sichere Häfen – Laufen Top-Unternehmen den Staaten den Rang ab?
Die Wahrnehmung von Staatsanleihen als sichere Häfen am Kapitalmarkt bekommt durch hohe Haushaltsdefizite und Ratingherabstufungen erste Risse. Viele Top-Unternehmen weisen hingegen stabile Bonitätsprofile auf, so dass deren Bonds teils mit geringeren Renditen als die Staatsanleihen ihres Sitzlandes handeln. Als neuer sicherer Hafen eignen sich Corporate Bonds dennoch nicht, unter anderem, da ihr Marktvolumen zu klein ist.
Lange Zeit konnte man die Staatsanleihen der führenden Wirtschaftsnationen guten Gewissens mit dem risikofreien Wertpapier aus der Finanztheorie gleichsetzen. Zuletzt bekommt dieses Bild aber immer mehr Risse: Dauerhaft hohe Defizite, Reformstau, politische Unsicherheiten und die Alterung der Gesellschaft belasten die Kreditwürdigkeit vieler Industrieländer. Gleichzeitig halten einzelne Konzerne seit Jahren ihre Spitzenratings. So können beispielsweise Microsoft und Johnson & Johnson seit mehr als 15 Jahren die bestmögliche Bonitätsnote vorweisen.
Auf der einen Seite sind gut geführte Großunternehmen meist international breit aufgestellt. Ihr Erfolg hängt damit weniger von einem einzelnen Land ab. Eine starke Marktposition, stabile Cashflows, geringe Verschuldung und hohe Liquiditätsreserven erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Zinsen und Tilgung selbst in schwierigen Zeiten pünktlich gezahlt werden. Das kann sich im Preis zeigen: Einige Unternehmensanleihen rentieren zeitweise niedriger als Staatsanleihen ihres Heimatlandes. Anleger akzeptieren also weniger Ertrag, weil sie die betreffenden Unternehmen als kreditwürdiger einschätzen. Das ist bemerkenswert, denn üblicherweise wird für Unternehmensrisiken ein Aufschlag gegenüber der Rendite der Staatsanleihe des Sitzlandes verlangt.
Auf der anderen Seite verfügen Staaten über entscheidende Vorteile: Sie können Steuern erheben, Gesetze ändern und es besteht die Chance, dass die Zentralbank im Krisenfall unterstützend eingreift. Zudem geraten Unternehmen bei einer Staatsschuldenkrise nicht automatisch aus der Gefahrenzone. Finanzmarktturbulenzen, geringere Investitionen und ein schwächerer Konsum können auch ihre Bonität treffen.
Vor allem fehlen Unternehmensanleihen die Marktgröße und Liquidität von Staatsanleihen. In Stressphasen ist aber entscheidend, dass Wertpapiere rasch und mit geringen Abschlägen verkauft werden können. Hinzu kommt die Regulierung: Für Banken und Versicherer bleiben Staatsanleihen häufig privilegiert. Deshalb dürften große Kapitalströme in Krisen weiterhin überwiegend dorthin fließen. Einige Top-Unternehmen können heute eine höhere Bonität aufweisen als ihr Sitzland. Als neuer sicherer Hafen eignen sich ihre Anleihen dennoch nur eingeschränkt: Marktgröße, Liquidität und staatliche Handlungsmacht sprechen weiterhin für Staatsanleihen.
-- Thomas Weber

