De-Dollarisierung = Abschied auf Raten

Die Mischung aus geopolitischer Safe-Haven-Nachfrage und geldpolitischer Zinserhöhungs­fantasie hat dem US-Dollar zum Comeback verholfen. Das schützt ihn aber nicht vor der Grundsatzdiskussion über seine weltweite Führungsrolle. Trotz „gefühlter“ USD-Skepsis hat sich die De-Dollarisierung zuletzt nicht beschleunigt. Der übergeordnete Trend zur stärkeren Diversifizierung der staatlichen Reserveportfolios bleibt intakt.

 

Das Bild zeigt zwei Diagramme zur Entwicklung globaler Währungsreserven. Links sieht man die langfristige Veränderung der Allokation von USD-, EUR- sowie Nicht-USD- und Nicht-EUR-Währungsreserven von 2006 bis 2025, wobei der Anteil des USD sinkt und der Anteil anderer Währungen steigt. Rechts sieht man eine Umfrage zu geplanten Reallokationen von Währungsreserven, wobei die Mehrheit der Befragten eine Erhöhung der Investitionen in RMB und weitere Abkehr vom USD anstrebt, während andere Währungen stabil bleiben oder weniger beachtet werden.

 

Erratische US-Handels- und Sicherheitspolitik, Zweifel an der institutionellen Unabhängigkeit, Sorgen um die Tragfähigkeit der US-Staatsverschuldung … die Liste der strukturellen USD-Probleme ließe sich beliebig fortsetzen. Die Diskussion über seine Rolle als Weltleitwährung liegt daher auf der Hand. Ein beliebter Gradmesser für die De-Dollarisierung ist die offizielle Reservehaltung der Notenbanken. Nach wie vor dominiert hier eindeutig die US-Währung, unübertroffen in puncto Sicherheit und Liquidität.

 

Allerdings ist auch unbestreitbar, dass Zentralbanken ihre Reserveportfolios seit etlichen Jahren langsam, aber stetig diversifizieren – zu Lasten der USD-Allokation. Während der Anteil des US-Dollars an den weltweit gehaltenen Devisenreserven im Jahr 2016 noch bei 64% lag, betrug er im ersten Quartal 2026 nur noch 57%. Der Euro kann aus dieser Umschichtung nicht nachhaltig profitieren, sein Anteil hält sich stabil um die 20%. Gewinner sind „alternative“ Reservewährungen wie der Australische Dollar oder Chinas Renminbi, der größte Gewinner ist aber Gold. Zentralbanken besitzen heute mehr Gold als US-Staatsanleihen.

 

Der übergeordnete Trend zu weniger USD-Reserven ist unverkennbar, dennoch muss man auch attestieren, dass die „gefühlte“ USD-Skepsis und die erratische US-Politik der Ära Trump (wider Erwarten) zuletzt nicht zu einer Beschleunigung der De-Dollarisierung geführt haben. Das sollte die US-Währung jedoch nicht in trügerischer Sicherheit wiegen. Der Wunsch nach einer weiteren Emanzipation vom US-Dollar ist unter staatlichen Investoren allgegenwärtig. So hat die neueste OMFIF-Umfrage (Global Public Investor 2026) unter 90 Zentralbanken, öffentlichen Pensionsfonds und Sovereign Wealth Funds, die zusammen über 10 Bio. USD verwalten, Folgendes ergeben: Auf Sicht von zehn Jahren wollen 24% der Befragten ihr USD-Engagement reduzieren. Die Allokation eines durchschnittlichen Reserveportfolios soll demnach in zehn Jahren wie folgt aussehen: 52% USD, 23% EUR, 5% RMB, 5% JPY, 5% GBP und 10% Sonstige. Verglichen mit heute würde das ein Minus um 5 Prozentpunkte in der USD-Allokation bedeuten oder umgerechnet 375 Mrd. USD weniger an USD-Reserven.

 

Wir sehen hier eine klare Diskrepanz zwischen (noch) nicht erfolgten Reallokationen und Plänen in Richtung weiterer Diversifizierungen. Auch wenn die jüngsten Ist-Daten keine beschleunigte De-Dollarisierung zeigen, ist der Stimmungswandel bei den langfristigen Investitionsplänen staatlicher Investoren unverkennbar und klar von USD-Skepsis geprägt.

 

- Dorothea Huttanus