Fed bleibt nebulös

Wie allgemein erwartet, hat die US-Notenbank die Leitzinsen unverändert gelassen. Insgesamt behält die Fed ihren Kurs bei, den Zinskorridor in diesem Jahr abzusenken. Dass der Dot-Plot im Median nur noch eine Zinssenkung für 2024 signalisiert, ist insgesamt als hawkish zu bewerten.
 


Obwohl der Inflationsdruck in den Vereinigten Staaten im Mai überraschend deutlich nachgelassen hat, blieb die US-Notenbank bei ihrem letzten Treffen nebulös, was den Zeitpunkt der ersten geldpolitischen Lockerung in diesem Zinszyklus angeht. Zwar nahmen die US-Währungshüter den jüngsten Rückgang der Kerninflationsrate im Mai sowie den nachlassenden Inflationsdruck bei den Dienstleistungspreisen wohlwollend zur Kenntnis. Jedoch reicht dieser Datenpunkt nicht aus, um genügend Vertrauen in einen nachhaltigen Disinflationsprozess zu gewinnen.

 

Dass die Fed-Mitglieder im Median nur noch einen Zinsschritt in diesem Jahr erwarten, ist alles in allem ein hawkishes Signal, auch wenn diese Entscheidung nur mit einer Mehrheit von einer einzigen Person getroffen wurde. Insgesamt sprachen sich sieben FOMC-Mitglieder für zwei geldpolitische Lockerungen und acht Währungshüter für lediglich eine Zinssenkung in diesem Jahr aus. Vier Notenbanker plädierten jedoch dafür, die Leitzinsen in diesem Jahr nicht zu verändern. Zudem rechnet der Median der 19 FOMC-Mitglieder mit einer höheren Inflation bis zum Jahresende 2024. Diese Revision bedeutet, dass die Fed nun von einer Seitwärtsentwicklung der Inflationsrate ausgeht und nicht mehr von einem graduellen Rückgang.

 

Powell betonte in der Pressekonferenz, dass mögliche Leitzinssenkungen „datenabhängig“ seien. Leitzinssenkungen seien dabei nicht nur von rückläufigen Inflationszahlen abhängig, das Gesamtbild müsse stimmen, so der oberste Währungshüter. Auch am Arbeitsmarkt müsse es weitere Anzeichen für eine Abkühlung geben, damit der Preisdruck nachlasse. Alles in allem hat sich der Fed-Chef sehr vorsichtig geäußert und den Zeitpunkt für die Zinswende komplett offengelassen.

 

Nach der Veröffentlichung der erfreulichen Inflationszahlen für Mai hatte der Markt zunächst schnellere Leitzinssenkungen der Fed antizipiert. Vor der Zinsentscheidung der US-Notenbank zeigten die impliziten Geldmarktsätze insgesamt zwei Zinsschritte nach unten bis zum Jahresende. Die Fed-Sitzung hat diese Erwartungen jedoch enttäuscht. Insbesondere die Tatsache, dass die Fed-Mitglieder mehrheitlich nur noch eine Zinssenkung in diesem Jahr sehen, dürfte für Ernüchterung gesorgt haben. Die Finanzmarktakteure werden in den kommenden Monaten jeden Indikator auf die Goldwaage legen und auf mögliche geldpolitische Implikationen analysieren. Entsprechend hoch dürfte die Volatilität an den Finanzmärkten ausfallen. Wir bleiben bei unserer Erwartung, dass die US-Notenbank erst im Dezember einen vorsichtigen Zinsschritt nach unten wagen wird.

 

-- Birgit Henseler


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