Türkei: Mammut-Inflation zieht den Verbrauchern das Geld aus der Tasche

Die privaten Haushalte mussten im September eine Inflation von 83% verkraften. Enorm hohe Preissteigerungen belasten aber nicht nur die Verbraucher. Auch in den Unternehmen sorgt der hohe Kostendruck für Pessimismus.

 

 

In der Türkei zieht die Inflation den Verbrauchern weiterhin wie ein Magnet das Geld aus der Tasche. Für September wurde vor wenigen Tagen eine Inflationsrate von 83% gemeldet, nach einem August-Wert von bereits 80%. Auftrieb erhält der Preisanstieg vor allem aus dem Segment Transportleistungen, wo gegenüber dem Vorjahresmonat immerhin ein Plus von 118% zu Buche steht. Noch schmerzhafter sind für die privaten Haushalte jedoch die fast verdoppelten Preise für „Nahrungsmittel und nicht-alkoholische Getränke“. Denn diese Ausgaben für Güter des täglichen Bedarfs machen rund ein Viertel ihres Warenkorbs aus.

 

Eine leichte Entspannung für die Preisspirale dürfte sich zwar bereits in den kommenden Monaten zeigen, diese ist dann aber vor allem einem rechnerischen Effekt geschuldet. Ende 2021 war die Inflation in der Türkei ins Laufen gekommen und erreichte dadurch im Dezember 36,1%. Selbst wenn der Preisanstieg zum Jahresende leicht sinkt, ist für dieses Jahr im Durchschnitt mit einer Inflation von rund 74% zu rechnen! Und das, obwohl die Politik bereits mit verschiedenen Maßnahmen regulierend eingegriffen hat. So wurden beispielsweise Mietsteigerungen gedeckelt und für verschiedene Produkte die Mehrwertsteuer gesenkt. Andererseits ist der Mindestlohn deutlich gestiegen, um ärmere Haushalte zu unterstützen. Dies befeuert allerdings wiederum die Preisspirale.

 

Wesentlicher Treiber für die Inflation ist jedoch die unorthodoxe Geldpolitik der Notenbank, die den Weisungen des Staatspräsidenten folgt. In den letzten Monaten wurde der Leitzins von 14% auf 12% gesenkt, während viele andere Notenbanken zur Inflationsbekämpfung den Leitzins erhöhen. Dadurch erhielt der Wertverfall der türkischen Lira wieder neue Nahrung. In dieselbe Richtung wirkt der Wunsch der Regierung, dass der Leitzins am Jahresende sogar nur noch im einstelligen Bereich notieren soll. Letztlich verteuert die schwache Währung importierte Güter und erschwert eine Entspannung bei der rekordhohen Inflation.

 

Die Inflation dürfte deshalb auch 2023 noch auf recht hohem Niveau notieren. Im Jahresdurchschnitt wohl nur knapp unterhalb von 40%. Vor diesem Hintergrund sprechen die pessimistische Stimmung in der Industrie und bei den Verbrauchern nur für schwaches Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr. Für die Regierung ist dies alles andere als ein günstiges Umfeld für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Juni 2023.

 

-- Dr. Christine Schäfer


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