Null-Covid und kein Ende: China verschärft erneut die Corona-Maßnahmen

Erstmals seit dem Lockdown in Schanghai riegelt China wieder eine Millionen-Metropole komplett ab. Der konjunkturelle Gegenwind nimmt erneut zu, auch wenn die Schäden längst nicht so gravierend ausfallen dürften wie im Frühjahr.
 


Während die Corona-Pandemie in weiten Teilen der Welt aktuell allenfalls mit besorgten Blicken auf den nahenden Herbst ein Thema ist, kommt China aufgrund seiner Null-Covid-Politik nicht zur Ruhe. Seit gestern (1.9.) befindet mit der 21-Millionen-Metropole Chengdu, der Hauptstadt der Binnenprovinz Sichuan, die größte chinesische Stadt seit der Abriegelung von Schanghai im Frühjahr in einem Komplett-Lockdown. Dabei ist gerade erst die Infektionswelle auf der südchinesischen Urlaubsinsel Hainan, die das Land im August in Atem hielt, abgeklungen. Jetzt ziehen die Fallzahlen aber schon wieder an und das nicht nur in Sichuan, sondern auch in den nahe Peking gelegenen Hafenstädten Tianjin und Dalian oder in der Exporthochburg Shenzhen (Provinz Guangdong) – wobei die wenigen hundert Neuinfektionen pro Tag in keinem anderen Land überhaupt noch als „Welle“ bezeichnet würden. Doch Chinas Null-Covid-Strategie sieht vor, jeden Ausbruch im Keim zu ersticken – umso mehr, nachdem die Behörden in Schanghai die Einschränkungen im Frühjahr wohl zu zögerlich verhängten.

Der dann schließlich zwei Monate lange strenge Lockdown in Schanghai hat China im zweiten Quartal mehr als 2½ % seiner Wirtschaftsleistung gekostet. Nun ist Chengdu bei Weitem nicht so wirtschaftsstark wie die Finanz- und Hafenmetropole an der chinesischen Ostküste, die allein für fast 4% des chinesischen BIP steht. Wie alle Provinzen im chinesischen Hinterland ist auch Sichuan agrarisch geprägt und zählt zu den eher ärmeren Regionen der Volksrepublik. Die wirtschaftlichen Schäden durch die jüngsten Eindämmungsmaßnahmen werden also kaum so gravierend ausfallen wie im Frühjahr, zumal jetzt noch nicht absehbar ist, wie lange der Lockdown überhaupt in Kraft bleibt. Gleichwohl gibt es auch in Sichuan große Produktionsstätten der Automobilindustrie, auch deutsche Niederlassungen von Volkswagen oder BMW. Der schwedische Autokonzern Volvo musste jetzt ein Werk temporär schließen. Zusätzlicher Gegenwind für die ohnehin strauchelnde Konjunktur, die nach der Öffnung von Schanghai immer noch nicht wieder richtig Tritt gefasst hat, ist das allemal. Und die Ausbrüche in Tianjin oder Shenzhen könnten ebenfalls noch größere Belastungen nach sich ziehen.

Schon jetzt häufen sich die lokalen Corona-Ausbrüche wieder. Das wird auf dem Weg in den Herbst und Winter sicherlich nicht weniger werden. Gleichzeitig zeigt die politische Führung in Peking keinerlei Tendenz, von der strengen Null-Covid-Doktrin abzurücken, schon gar nicht jetzt, vor der Wiederernennung Xi Jinpings Mitte Oktober als Staatspräsident. Xi selbst scheint das Null-Covid-Ziel inzwischen stärker auf seine Fahnen zu schreiben als eine gut laufende Konjunktur. Das Wachstumsziel von 5,5% für dieses Jahr wurde mittlerweile kommentarlos einkassiert. Wir haben unsere Wachstumsprognose Anfang August von 4% auf 3,5% gesenkt, doch die Risiken, dass das Wirtschaftswachstum noch schwächer ausfällt, sind zuletzt weiter gestiegen.

 

-- Monika Boven


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