Britischer Konjunktur geht die Puste aus

Für den Jahresauftakt meldet Großbritannien noch ein solides Quartalswachstum von 0,8%. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte schwächeln jedoch zusehends. Der britischen Wirtschaft droht eine längere Wachstumsflaute.

 

 

Die aktuellen Wachstumszahlen aus Großbritannien zeigen eine ganze Reihe Licht-, jedoch auch zahlreiche Schattenseiten. Die gute Nachricht ist: Im ersten Quartal dieses Jahres konnte die britische Wirtschaft noch einmal kräftig um 0,8% gegenüber dem Vorquartal zulegen. Das ist in einem Umfeld, wo die meisten G7-Staaten einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verzeichnet haben, ein ziemlich gutes Ergebnis. Außerdem wurde im zurückliegenden Quartal endlich das Vorkrisenniveau der Wirtschaftsleistung vom Schlussquartal 2019 wiederhergestellt. Hier hatte Großbritannien im Kreis der G7 nicht zu den Vorreitern gehört, wobei das Land auch den in dieser Runde höchsten BIP-Verlust wiederaufzuholen hatte. Dies hat es in den vergangenen Quartalen denn auch mit viel Verve gemacht – dank einer gelungenen Impfkampagne, vergleichsweise lockeren Corona-Regeln und staatlichen Investitionsanreizen. Die Investitionstätigkeit hat den höchsten Wachstumsbeitrag im vergangenen Quartal geleistet.

Zum immer größeren Problem wird jedoch die Inflation.
Längst wird im Vereinigten Königreich von einer „living cost crisis“, einer Krise der Lebenshaltungskosten gesprochen, wozu nicht nur der starke Anstieg der Verbraucherpreise, sondern auch die inzwischen steigenden Zinsen sowie seit April höhere Sozialversicherungsabgaben zählen. Die Inflationsrate dürfte mit der Anhebung der Gastarife um über 50% im April von zuvor bereits hohen 7% auf weit über 8% geklettert sein. Die damit einhergehende, deutliche Drosselung der verfügbaren Einkommen macht den privaten Haushalten erkennbar zu schaffen. Sie zeigen sich aktuell pessimistischer als auf dem Tiefpunkt der Corona-Rezession vor zwei Jahren. Schon im zurückliegenden Winterhalbjahr hat der private Konsum deutlich abgebremst, nachdem er die Konjunkturerholung über den Sommer maßgeblich getragen hatte. Im Q1-Schlussmonat März schließlich sind die konsumnahen Dienstleistungen spürbar eingebrochen, was auch der Gesamtwirtschaft ein leichtes Minus eingetragen hat.

Auch für das laufende Quartal ist mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung zu rechnen. Derweil wird die Inflation in den kommenden Monaten hoch bleiben, und die Leitzinsen werden weiter in Richtung 2% steigen. Mehr als ein verhaltenes Wirtschaftswachstum ist daher auch in den kommenden Quartalen nicht zu erwarten. Und falls die Gaspreise im Zuge des anhaltenden Ukraine-Kriegs wieder steigen sollten und die Inflation mit der nächsten Anpassung der Gastarife im Herbst einen weiteren Schub erhält, könnte die britische Wirtschaft sogar an den Rand einer Rezession geraten.

 

-- Monika Boven


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