Aktienmarkt übertreibt die Notenbank-Fantasie

Nach Fed und BoE stellt nun auch die EZB eine restriktivere Geldpolitik in Aussicht. Ein „US-Emergency Hike“ im März 2022 wird ebenfalls nicht mehr ausgeschlossen. Insbesondere der europäische Aktienmarkt reagiert darauf übertrieben, denn weder die EZB-Geldpolitik noch ein „US-Emergency Hike“ stellen aus unserer Sicht maßgebliche Aktienmarkt-Risiken dar. Die Volatilität dürfte zwar erhöht bleiben, wir erwarten jedoch keine weitere merkliche KGV-Einengung, weder in Europa noch in den USA. Steigende Unternehmensgewinne bieten dagegen mittelfristig Aktienkurspotenzial.


Die Notenbank-Rhetorik wird schärfer. Nach Fed und Bank of England stellt nun auch die EZB eine restriktivere Geldpolitik in Aussicht. Der Markt reagierte prompt. Die Zinsen steigen, die Aktienkurse fallen, die Divergenz zwischen Inflationsgewinnern und Verlierern nimmt weiter zu. Wie von uns erwartet, haben sich die Aktienbewertungen sowohl von US-amerikanischen als auch von deutschen Aktien an die bereits angestiegenen Niveaus der Anleiherenditen angepasst, sind aber nicht eingebrochen.


Dennoch erkennen wir gerade am europäischen Aktienmarkt übertriebene Bewertungseinengungen infolge der Markt-Überraschung bezüglich der neu angestrebten EZB-Geldpolitik. Dies dürfte sich kurzfristig wieder regulieren, da wir die erwartete europäische Notenbankpolitik nicht als maßgebliches Aktienmarkt-Risiko ansehen. Die US-Zinswende dagegen ist derzeit überregional schon vollumfänglich eingepreist.


Eine „geldpolitische Inflations-Notbremse“ der US-Notenbank in Form einer Leitzinserhöhung von 0,5% im März 2022, ein sogenannter „US-Emergency Hike“, wird derzeit vom Markt nicht mehr ausgeschlossen. Ein solch hoher US-Zinsschritt hat in der Vergangenheit nie einen nachhaltigen Schaden am Aktienmarkt verursacht, daher erachten wir ihn ebenfalls nicht als Risiko für weitere Kursrücksetzer.


Des Weiteren erwarten wir keine weitere merkliche KGV-Einengung, weder in Europa noch in den USA, denn:
(a) dies wäre nur mit der Erwartung einer langfristigen globalen Konjunktureintrübung vereinbar und genau das geben die Konsensus-Wachstumsprognosen für keine der beiden Regionen her,
(b) die Bewertungen des DAX und des S&P 500 haben sich bereits stark in Richtung ihrer langfristigen Durchschnitte bewegt,
(c) hierzu wären unerwartet drastische Notenbankmaßnahmen bei einer echt ausufernden Inflationsentwicklung nötig.

Ungeachtet davon sehen wir in den kontinuierlich steigenden Unternehmensgewinnen mittelfristig Aktienkurspotenzial in Europa und den USA. Die Volatilität am Aktienmarkt dürfte jedoch weiterhin erhöht bleiben.

 

-- Sven Streibel


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Anzahl Kommentare: 1

Hans-Jürgen Häming

09.02.2022 um 12:22

Ich teile Ihre Meinung, dass die geplanten Zinserhöhungen kaum Auswirkungen auf die KGVs der Unternehmen haben wird. Hierzu noch ein Hinweis: Die Unternehmen haben in den letzten Jahren die zinstragenden Verschuldungen erheblich abgebaut, sodass sich eine Zinserhöhung nur wenig auf die GuV-Situation auswirken wird.

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