UK: Inflation im Höhenflug – Zinswende nur noch Frage der Zeit

Nein, ganz so hoch wie in den USA oder Deutschland ist die Inflation im Vereinigten Königreich nicht. Aber der sprunghafte Anstieg der Teuerungsrate von 3,1% auf 4,2% im Oktober dürfte die ohnehin alarmierten Währungshüter an der Londoner Threadneedle Street weiter beunruhigt haben.


Die Lage für die Geldpolitiker ist verzwickt: Auf der einen Seite sind die Haupttreiber der Inflation derzeit vor allem vorübergehende Faktoren oder sogar Einmaleffekte, wie die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer im Gastgewerbe. Oder die starke Verteuerung von Gebrauchtwagen, weil die Produktion von Neuwagen wegen der aktuellen Lieferengpässe wichtiger Bauteile stockt und die Kunden deshalb auf Second-hand Autos ausweichen. Diese Faktoren sollten im kommenden Jahr jedoch immer weniger eine Rolle spielen. Auch der Schub bei den Gaspreisen, den die Versorger über die turnusmäßige Tariferhöhung im Oktober eingeschränkt an die Verbraucher weitergegeben haben, dürfte im kommenden Jahr abebben. Rohstoffpreise sind von der Geldpolitik ohnehin kaum beeinflussbar.


Auf der anderen Seite ist die aktuelle Anpassung der Gastarife sehr kräftig ausgefallen. Die Inflationsrate dürfte sich in den kommenden Monaten deutlich oberhalb der 4%-Marke bewegen und erst 2023 zum geldpolitischen Zielwert von 2% zurückkehren. Dies setzt die Geldpolitiker unter Zugzwang. Auch wir haben vor dem Hintergrund des jüngsten Inflationsschubs unsere Inflationsprognose für kommendes Jahr noch einmal von 3,2% auf 3,7% angehoben. Besorgt sind die Währungshüter vor allem, dass sich die hohe Inflation angesichts der angespannten Arbeitsmarktsituation in Großbritannien verfestigen könnte, etwa über eine Lohn-Preis-Spirale. In nahezu allen Branchen hat die Zahl der offenen Stellen Rekordniveaus erreicht – eine Folge des kräftigen Post-Corona-Booms auf der Insel, aber auch des Brexits. Auch das Lohnwachstum ist kräftig, selbst wenn man es um die aktuell zweifellos aufblähenden Einflüsse der auslaufenden Corona-Maßnahmen bereinigt.

 

Noch zögert die Bank of England mit der Straffung der Geldpolitik – aus gutem Grund, wie wir finden, denn noch ist unklar, welche Auswirkungen das Ende des Kurzarbeitsprogamms auf Arbeitslosigkeit und Lohnwachstum hatte. Auch die gerade erst entdeckte Corona-Variante Omikron stellt ein neues und noch weitgehend unkalkulierbares Konjunkturrisiko dar. An den Finanzmärkten wurde eine Zinserhöhung dagegen bereits im November erwartet – und enttäuscht. Das könnte sich bei der kommenden Sitzung Mitte Dezember wiederholen. Trotzdem ist es auch aus unserer Sicht nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bank of England an der Zinsschraube dreht. Wir rechnen Anfang Februar mit einem ersten, kleinen Schritt. Die britische Notenbank wäre dann die erste der großen Zentralbanken, die die Zinswende nach der tiefen Corona-Rezession vollzieht.

 

Monika Boven, Andrew Cossor

 

 


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