The Day After

Gestern hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Startschuss für einen geldpolitischen Richtungswechsel gegeben. Nach einer gefühlten Ewigkeit der ultraexpansiven Geldpolitik war das eigentlich ein Paukenschlag. Die Reaktionen am Anleihemarkt fielen dafür allerdings recht verhalten aus. In so ziemlich allen Anleihesektoren verringerten sich im gestrigen Handelsverlauf die Risikoaufschläge gegenüber der korrespondierenden Bundesanleihe minimal, mit Ausnahme des Staatsanleihesektors. Hier hat sich die Risikoprämie im Durchschnitt leicht erhöht. Innerhalb des Sektors fiel der Anstieg der Renditeaufschläge von Anleihen der Eurozone-Peripheriestaaten vergleichsweise höher aus. Das verwundert am Ende nicht, profitierten die entsprechenden Anleihen in der Vergangenheit doch am meisten von den EZB-Anleihekäufen im Rahmen des PEPP, das im März 2022 ein Ende finden wird.

 

Von Panik im Markt ist allerdings keine Spur. Selbst die Risikoprämien der Anleihen im hochriskanten High-Yield-Sektor verringerten sich gestern im Durchschnitt um einen Basispunkt. Vor dem Hintergrund einer sich ankündigenden geldpolitischen Normalisierung hätte man in diesem Segment durchaus mit einem Anstieg der Risikoprämien rechnen können. Die Marktteilnehmer, so scheint es, sind mit der Gangart der EZB bis auf Weiteres einverstanden. Das Anheben des APP-Anleihekaufvolumens und die mehrfache Betonung von EZB-Präsidentin Lagarde während der Pressekonferenz, dass PEPP im Prinzip nur auf Eis liege und bei größeren Marktverwerfungen jederzeit wieder reaktiviert werden könne, dürften sicherlich geholfen haben, das Vertrauen der Investoren in die Handlungsfähigkeit der Währungshüter erneut zu stärken. Der Zentralbank-Put, auch in der verminderten Form, wirkt also weiterhin.

 

Dennoch ist davon auszugehen, dass die Marktteilnehmer in den kommenden Quartalen in puncto Anleihesegmente wieder vermehrt selektieren werden. Die Underperformance des Staatsanleihesektors am gestrigen Handelstag hat hier einen Vorgeschmack geliefert. Die Homogenität der Risikoaufschläge über die Anleihesegmente hinweg dürfte sich verringern.

-- Günther Scheppler


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