Rentenmarktinvestoren – furchtlose Jäger im Risikodschungel

Die aktuelle Lage der europäischen Konjunktur ist gut. In der Eurozone ist das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal des aktuellen Jahres um 3,7% im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Die Inflation hat im Oktober ein Plus von 4,1% gegenüber Vorjahr erreicht. Damit liegt die Preissteigerungsrate um das Doppelte über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2%. Vor diesem Hintergrund nehmen die Diskussionen über ein Ende der Anleihekäufe der EZB massiv zu und auch das Thema Leitzinsanhebungen ist längst kein Tabu mehr.

Dann ist da aber noch die anhaltende und sich aktuell wieder verschärfende Pandemie. Die vierte Welle in der Corona-Krise ist sehr hoch und es besteht die Möglichkeit, dass die Wirksamkeit der derzeit verfügbaren Impfstoffe gegen die neue Omikron-Virusvariante vermindert ist. Sollte sich dies bewahrheiten, sind neue Lockdown-Maßnahmen fast schon vorprogrammiert.

Sowohl das Szenario der generell steigenden Zinsen als auch eine weitere Verschärfung der Pandemie bedeuten für die Risikoaufschläge der Anleihen mit einem Investment-Grade-Status eigentlich nichts Gutes. Für den sehr riskanten Sektor der High-Yield-Anleihen ist die Ausgangslage noch bedrohlicher.

Wie reagiert nun der Rentenmarktinvestor in diesem Risikodschungel? Er geht aktuell wieder furchtlos auf Renditejagd. Allen voran die Marktteilnehmer im High-Yield-Anleihesegment. Stieg die durchschnittliche Risikoprämie (gegenüber der Staatsanleiherendite) in diesem Segment im November noch von 3,04% auf 3,55%, ist sie seit Anfang Dezember bis dato wieder auf 3,33% gesunken. Im Investment-Grade-Sektor hat sich der durchschnittliche Risikoaufschlag zuletzt von 0,61% auf 0,57% verringert. Angesichts einer noch etwas länger anhaltenden Niedrigzinsphase waren die Anleiherenditen nach dem jüngsten Anstieg der Risikoprämien anscheinend zu verlockend. Den Mut schöpfen die Renditejäger aus dem Zentralbank-Put, also dem Vertrauen auf die Zentralbanker, alles Mögliche zu unternehmen, um die Refinanzierungskonditionen am Finanzmarkt günstig zu halten. In Hinblick auf den Zentralbank-Put wird die kommende EZB-Ratssitzung (16.12.) extrem spannend. Die Währungshüter müssen in puncto geldpolitische Ausrichtung den Spagat zwischen hoher Inflation und heißer Pandemiephase wagen. Der Instrumentenkasten der EZB ist facettenreich, doch die Mittel zur Bekämpfung der hohen Preissteigerungsrate sind nicht die gleichen, die zur Eindämmung der Folgen der Pandemie dienen.

 

Günther Scheppler


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