Griechenland will Default-Trauma überwinden

Anfang vergangener Woche hatte Griechenland einem Teil seiner Bondinvestoren ein Umtausch- bzw. Rückkaufangebot unterbreitet. Die Einladung zum Umtausch bzw. Rückkauf richtete sich dezidiert an Investoren von griechischen Staatsanleihen der PSI-Serie (Private Sector Involvement). Anleihen dieser Serie wurden im März 2012 im Rahmen der Umstrukturierung griechischer Schulden ausgegeben. Hellas begründet das Umtausch- bzw. Rückkaufangebot damit, dass es das Ziel sei, Marktstandards mit jenen anderer staatlicher EWU-Emittenten anzugleichen, die Renditekurve zu normalisieren und die Liquidität von hellenischen Bonds zu erhöhen. Hinter dem jüngsten Umtausch- und Rückkaufangebot steckt aber viel mehr: Griechenland versucht sein Trauma des Schuldenschnitts von 2012 zu überwinden und die Relikte einstmaliger Krisen der Vergangenheit zu überlassen. Die griechische Regierung verfolgt eine langfristig angelegte Strategie, um wieder in den Kreis der „etablierten Staatsanleiheemittenten“ zurückzukehren. Viele Schritte sind bereits erfolgt: Das Land kehrte erfolgreich an den Primärmarkt für Staatsanleihen zurück und stieg aus dem ESM-Hilfsprogramm aus. 2019 erfolgte zudem bereits die erste vorzeitige Rückzahlung von IWF-Krediten.

 

Griechenland hat aber noch weitere Arbeit vor sich. Im kommenden Jahr sollen die Verbindlichkeiten beim IWF vollständig getilgt werden. Danach soll die erste vorzeitige Tilgung von GLF-Darlehen erfolgen. Dabei handelt es sich um bilaterale Kredite mit EWU-Ländern (Greek Loan Facilities), die 2010 als Teil des ersten Hilfspakets an Griechenland vergeben wurden. Mithilfe dieser Schuldenreduktionsmaßnahmen stellt Griechenland sein Schuldenportfolio neu zusammen. Das hoch gesteckte Ziel des Landes ist es, im Jahr 2023 erstmals wieder zumindest teilweise in den Investment-Grade-Bereich zurückzukehren. Die Administration Mitsotakis legt nach der Regierungszeit von Tsipras auf eine breit gefasste Neuordnung der fiskalpolitischen Leitlinien wert. Dies wird auch von den Ratingagenturen anerkannt. Die Bonität Griechenlands weist trotz der starken Auswirkungen der Corona-Krise immer noch einen aufwärtsgerichteten Trend auf. Nichtsdestotrotz wird Hellas noch zahlreiche Jahre brauchen, bis das Land die vergangenen Krisen hinter sich lassen kann. Der Weg zurück zur Normalität bleibt ein langer.

 

-- Sebastian Fellechner


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