Türkische Lira im freien Fall

Die ohnehin seit längeren auf breiter Basis und von einem Rekordtief zum nächsten fallende türkische Lira hat ihre Abwärtsdynamik heute deutlich beschleunigt. Auf Tagessicht verlor sie bislang sowohl gegenüber dem US-Dollar als auch dem Euro rund 10% an Wert. Seit Jahresbeginn sieht sich die türkische Landeswährung damit in der Spitze mit unglaublichen Kursverlusten von rund 65% (ggü. USD) und knapp 55% (ggü. EUR) konfrontiert.

Wenngleich die Aussicht auf eine geldpolitisch weniger expansiv werdende US-Notenbank ebenfalls ihren Anteil an der Lira-Schwäche haben dürfte, so ist der wesentliche Teil doch auf die politisch motivierte, viel zu lockere Geldpolitik des Landes zurückzuführen. Eng damit verbunden sind entsprechende Äußerungen von Staatspräsident Erdogan. Und auch derzeit sind es seine Worte, die der Lira wieder einmal massiv zusetzen. So lobte er die jüngste Leitzinssenkung der türkischen Zentralbank (TCMB) und verteidigte sein Streben nach niedrigeren Zinsen mit der Begründung, eine „wettbewerbsfähige" Lira werde Investitionen und Arbeitsplätze fördern. Zudem erklärte Erdogan, sein Land führe einen „wirtschaftlichen Unabhängigkeitskrieg“. Einmal mehr führen diese Aussagen – und das macht sie für die Lira so belastend – vor Augen, dass sich an der auf Leitzinssenkungen ausgerichteten türkischen Geldpolitik in nächster Zeit wenig ändern sollte. Und dies ungeachtet einer sich im Vorjahresvergleich der 20%-Marke nähernden Inflationsrate und immer weiter in den negativen Bereich abtauchender Realzinsen.

Überaus interessant dürfte nun die letzte Leitzinssitzung der TCMB in diesem Jahr werden, welche für den 16. Dezember anberaumt ist. So will die türkische Zentralbank doch den Worten ihres obersten Währungshüters Kavcioglu zufolge dann das Ende der Leitzinssenkungen prüfen. Dass die Lira darauf herzlich wenig gibt, ist ihr nach ihren (geld-) politischen Erfahrungen der letzten Jahre nicht zu verdenken. Auch wir können uns nur schwer vorstellen, dass die TCMB die Leitzinsen nicht mehr senken wird, zumal der Preisdruck auch in der Türkei im Verlauf von 2022 aufgrund globaler Vorgaben moderat nachlassen sollte. Wenn überhaupt halten wir ein temporäres Innehalten der Währungshüter für möglich, bevor die geldpolitischen Zügel, notfalls auch unter einem neuen Vorsitzenden, erneut gelockert werden. Für die Lira sollten damit auch 2022 die (geldpolitischen) Abwärtsrisiken präsent bleiben.

 

-- Dr. Sandra Striffler


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