Sequencing treibt die Inflation an

Sowohl in den USA als auch in der Eurozone wird intensiv über das sogenannte „Sequencing“ diskutiert. Unter dem Sequencing (oder der Sequenzierung) wird die Selbstverpflichtung der Notenbanken verstanden, im Zuge einer weniger lockeren Geldpolitik zunächst die Wertpapierkäufe zu reduzieren (Tapering). Erst nach Beendigung der Anleihekäufe soll es zu Leitzinsanhebungen kommen.


Die weitere Entwicklung der Inflation ist derzeit mit hoher Unsicherheit behaftet. Sollte das Szenario Realität werden, dass die Inflation auf Dauer hoch bleibt oder sogar aufgrund von Zweitrundeneffekten weiter an Dynamik gewinnt, ist eine schnelle Reaktion der Notenbanken unabdingbar. Mit dem Sequencing haben sich die Fed und die EZB aber dahingehend die Hände gebunden, dass sie die Leitzinsen nicht umgehend – und so wie es eine mögliche inflationäre Entwicklung rechtfertigen würde – anheben können. Es besteht dann das Risiko, dass es zu einem verspäteten Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik, also einer zeitlichen Verzögerung notwendiger geldpolitischer Maßnahmen, kommt. Insbesondere aus drei Gründen droht in diesem Umfeld, dass die Inflationserwartungen ihre Verankerung verlieren und die Inflationsentwicklung nochmals an Dynamik gewinnt.

  • Drohen höhere Inflationsraten und erachten es die Zentralbanken für notwendig, die Geldpolitik zu straffen, wird zunächst das Tapering eingeleitet. Die Reduzierung der Anleihekäufe ist keinesfalls eine restriktive Geldpolitik. Im Falle eines Inflationsschubs befeuert die Notenbank letztlich noch mehrere Monate – zumindest so lange wie die Reduzierung und Beendigung der Wertpapierkäufe dauert – die Problematik.
  • Häufig schlagen sich geldpolitische Anpassungen erst nach und nach in einer Veränderung volkswirtschaftlicher Größen, wie der wirtschaftlichen Aktivität und dem Preisniveau, nieder. Das Konsum- und Investitionsverhalten ändert sich mit einer erheblichen zeitlichen Verzögerung. Die Wirkungsverzögerung der geldpolitischen Maßnahme könnte daher dazu führen, dass die Inflation erst viel später de facto eingedämmt wird.
  • Eine Reduzierung der Wertpapiere kann dämpfend auf die Inflationserwartungen wirken. Im besten Fall lässt sich so, eine sich beschleunigende Preisentwicklung wieder einfangen. Die derzeit sehr vorsichtige (dovishe) Kommunikationspolitik der Währungshüter ist aber trotz Tapering nicht geeignet, die Inflationserwartungen zu dämpfen.

Das Sequencing birgt unseres Erachtens wenig Gefahren, wenn die Inflationsraten im kommenden Jahr, wie von uns und der Mehrheit der Ökonomen angenommen, wieder sinken. In diesem Fall können es sich die Notenbanken leisten, erst zu tapern, die realwirtschaftlichen Effekte der Reduzierung der Liquiditätszufuhr abzuwarten und nach ein paar Monaten die Leitzinsen anzuheben. Drohen jedoch ernste, nachhaltige Inflationsgefahren, könnte das Sequencing den Inflationsschub verschärfen.

-- Birgit Henseler


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Dennis Koenig

20.11.2021 um 09:57
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