Britische Wirtschaft nach insgesamt kräftigem Sommerhalbjahr vor einer „Winterdelle“

Keine Frage: Die britische Wirtschaft hat sich mit viel Kraft aus der tiefen Corona-Rezession gekämpft. Das BIP-Wachstum im zurückliegenden dritten Quartal ist mit 1,3% gegenüber dem Vorquartal zwar längst nicht so stark ausgefallen wie in vielen anderen Volkswirtschaften Europas, aber das war nach dem überragenden Plus von 5,5% im zweiten Quartal auch nicht zu erwarten. Betrachtet man beide Quartale zusammen, liegt Großbritannien unter den G7-Ländern jedoch weiterhin ganz vorn. Die schnellen Impferfolge und umfassenden Lockerungen der Corona-Maßnahmen haben den Boden für einen frühen, kräftigen Post-Corona-Boom im Vereinigten Königreich bereitet.

Allerdings zeigt auch der britische Aufschwung zunehmend Schönheitsfehler. Materialengpässe bremsen wie in unzähligen anderen Ländern auch im Vereinigten Königreich die verarbeitende Industrie, die das dritte Quartal mit einem Minus abschloss und die Ausfuhren schrumpfen ließ. Gleiches gilt für die Bauwirtschaft, wo sich außerdem die wieder sehr hohen Corona-Fallzahlen negativ bemerkbar gemacht haben, weil viele Arbeitskräfte in Quarantäne geschickt wurden. Dadurch hat die Konjunktur schon im Juli und August eine langsamere Gangart eingelegt, wie die monatlichen BIP-Zahlen zeigen. Im September konnte sich das Wachstum zwar wieder beschleunigen, sogar trotz der massiven Versorgungsprobleme an den Tankstellen. Da sich die Krise allerdings erst zum Monatsende zugespitzt hatte und bis in den Oktober hineinreichte, dürfte sie vor allem zu Beginn des laufenden Quartals für Bremseffekte gesorgt haben.

Belastend hinzu kommen die in den letzten Wochen stark gestiegenen Gaspreise, die die Inflationsrate schon im laufenden Monat auf knapp 4% heben dürften, wo sie dann wohl bis weit ins Frühjahr 2022 verharren wird. Damit sind empfindliche Kaufkraftverluste für die Verbraucher verbunden. Einkommensschwächere Haushalte haben darüber hinaus gerade die Sonder-Zuschläge auf die Sozialhilfe gestrichen bekommen, außerdem sind Anfang des kommenden Jahres höhere Sozialabgaben geplant. Der private Konsum dürfte dadurch an Schwung verlieren.

In unserer Prognose bleiben wir daher für das begonnene Winterhalbjahr vorsichtig. Der Post-Corona-Boom hat deutlichen Gegenwind bekommen, die britische Wirtschaft dürfte eine „Wachstumsdelle“ durchlaufen. Gleichwohl ist für das zu Ende gehende Jahr 2021 mit einem Rekordwachstum von fast 7% zu rechnen – auch dies ein Spitzenwert im Kreis der G7.


-- Monika Boven


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