Investoren zwischen Baum und Borke

Die Energiepreise nehmen weiterhin zu. Das stellt nicht nur das produzierende Gewerbe vor Herausforderungen. Die privaten Haushalte haben mit Kaufkraftverlusten durch eine hohe Inflation zu kämpfen. Ein schnelles Ende beim Thema Preissteigerungsrate ist nicht in Sicht. Dieser Meinung sind auch die Marktteilnehmer. Beim Blick auf die Terminmärkte zeigt sich, dass die langjährige Inflationserwartung aktuell bei 2% gepreist wird. Dieses Niveau wurde zuletzt im September 2014 taxiert.

 

Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte die Zinszügel allerdings nicht verfrüht anziehen. Gemäß ihrer Forward-Guidance muss die Inflation nicht nur deutlich vor dem Ende des EZB-Projektionszeitraums die 2%-Marke erreichen, sie muss auch auf diesem Niveau verbleiben. Die Notenbanker sehen die Teuerungsrate im Jahr 2023 aber nur bei 1,5% (J/J). Die aktuell hohe Inflation ist nach EZB-Meinung somit nur transitorisch. Die Medienlandschaft nimmt den Ball von vorübergehenden Entwicklungen auf und signalisiert für das nächste Jahr nachlassende Energiepreise, ein Ende des Engpasses der Lieferschwierigkeiten und des Arbeitskräftemangels. Die Investoren sind von diesen Szenarien nicht unbedingt überzeugt. Stark gestiegene Zinssätze und die jüngste Zunahme der Risikoaufschläge im Markt für hochrentierliche Anleihen, deren Bonität unterhalb des Investment-Grade-Status liegt, deuten auf einen Anstieg der Unsicherheit in den Reihen der Investoren hin. Die Risikoaufschläge der Anleihen im Investment-Grade-Bereich haben sich hingegen kaum verändert. Hier zeigt sich wiederum das Vertrauen der Investoren in die EZB, die bereits in der Vergangenheit durch eine ultraexpansive Geldpolitik für anhaltend niedrige Risikoaufschläge gesorgt hat. Der Investor ist also in einem Spannungsfeld zwischen Inflationssorgen und Zentralbank-Put gefangen. Er sitzt zwischen Baum und Borke.

 

Sind die aktuellen Risikofaktoren am Ende tatsächlich nur transitorischer Natur, so sind die Finanzmärkte dennoch übergangsweise riskant. Vor diesem Hintergrund ist damit zu rechnen, dass die Risikoaufschläge in den kommenden Monaten etwas zunehmen werden. Darüber hinaus gehen wir davon aus, dass die von Inflationsängsten ausgelösten jüngsten Zinsbewegungen übertrieben waren und sich diese in den kommenden Quartalen zurückbilden werden.

 

-- Günther Scheppler


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