Rohöl profitiert von Knappheit fossiler Energieträger

Die Energiepreise sind seit Jahresbeginn stark gestiegen. So erklommen der globale Kohlepreis (+123%) und der europäische Gaspreis (+381%) neue Allzeithochs. Auch das US-amerikanische Henry-Hub (+114%) zog spürbar an und profitierte von Hurrikan-bedingten Produktionsausfällen („Ida“). Rohöl (60%) ist im Vergleich dazu geringer im Preis gestiegen, sodass mittlerweile das schwarze Gold weltweit als Gassubstitut eingesetzt wird. Damit steigt die Rohölnachfrage („Switch-Nachfrage“) um knapp 0,5 Millionen Barrel pro Tag (MMBD). Die Produktionserhöhung der Opec+ von 0,4 MMBD kann den Markt also nicht ausgleichen. Dies verstärkt die Knappheit und hievte den Ölpreis über 80 USD. Daher heben wir unsere 3M-Prognose auf 82 USD (zuvor: 78) an.

Allerdings sind die Erdgasnotizen dies- und jenseits des Atlantiks seit ihren Höchstständen wieder etwas gefallen - eine Normalisierung ist das aber bei Weitem nicht. In den USA zeichnet sich auf Basis der ersten vorsichtigen Wetterprognosen ein „wärmerer“ Winter ab, was dazu führen dürfte, dass die Lagerentnahmen nicht so groß ausfallen wie befürchtet. Im Laufe des ersten Quartals 2022 wird sich die Lage bei Erdgas allmählich wieder beruhigen, sodass die „Switch-Nachfrage“ bei Rohöl dann wieder nachlassen dürfte. Auch der Kohlepreisanstieg, der stark von Sonderfaktoren, wie rückläufige Stromeinspeisung aus Erneuerbaren Energien wegen eines geringeren Windaufkommens im Frühjahr oder starken Regenfällen in China und Indonesien, getragen wurde, wird sich nicht als nachhaltig erweisen. Da wir nicht damit rechnen, dass sich die wetterbedingten Ausnahmesituationen im kommenden Jahr wiederholen, halten wir eine Entspannung der Energiemarktlage in 2022 für wahrscheinlich.

Mit der wiedereinsetzenden Normalisierung bei den Energieträgern wird auch bei Rohöl der Aufwärtsdruck 2022 nachlassen. Obwohl die Opec+ bisher keine weitere Produktionserhöhung beschlossen hat, kann das erweiterte Ölkartell kein Interesse daran haben, dass der Ölpreis dauerhaft so hoch bleibt. Dies zöge negative weltwirtschaftliche Folgen nach sich und dürfte die Nachfragedynamik abschwächen. Zudem ist auch das Anzapfen der strategischen Reserven in den USA noch nicht vollständig vom Tisch. Auch die US-Driller dürften langsam ihre Produktion hochfahren, zumal das aktuell hohe Preisniveau auch gute Hedgingmöglichkeiten für 2022 bietet. Unterm Strich gehen wir davon aus, dass sich der Knappheitsgrad bei Rohöl 2022 wieder abbauen wird und bestätigen daher unsere 12M-Prognose von 68 USD, was einen Preisrückgang von 18% impliziert.

 

Gabor Vogel


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