Renditeabsturz: Alles zurück auf Los

In den vergangenen Tagen hat der Rückgang der Renditen massiv an Dynamik gewonnen. Die 10J-UST- und Bund-Renditen handelten zuletzt auf einem 5-Monatstief. Der Verdacht liegt zwar nahe, dass es sich hierbei um einen klassischen Risk-Off-Move handelt. Die vergleichsweise solide Performance des Aktienmarktes deutet jedoch darauf hin, dass sich der Fokus zunehmend von reiner Delta-Angst hin zu den mittel- und längerfristigen wirtschaftlichen (und geldpolitischen) Konsequenzen einer potenziell neuen, schweren Corona-Welle verschiebt.

 

Aktuell kollidiert der schwindende Konjunkturoptimismus unglücklicherweise mit anhaltenden Inflationssorgen. Hier wird nun zum Problem, dass der steigende Preisdruck vor allem durch Engpässe auf der Angebotsseite hervorgerufen wird. Die „normale“ Wechselwirkung, bei der eine steigende Inflation auf dynamisches Wachstum zurückzuführen ist – und von daher auch bei einer abflauenden Konjunktur erneut nachlässt, greift also nicht zwangsläufig. Theoretisch ist es durchaus denkbar, dass Delta den Post-Corona-Boom abwürgt, die Inflation aber weiterhin hoch bleibt, insbesondere sollte es neben den bestehenden Lieferengpässen zu neuen Problemen kommen. Die Folge wäre, im schlimmsten Fall, Stagflation: eine aus Sicht von Zentralbanken denkbar ungünstige Kombination aus nachlassendem Wachstum und hoher Inflation. Und der Markt geht ganz offensichtlich davon aus, dass sich die meisten Zentralbanken in diesem Umfeld auf die Seite des Wachstums schlagen und eine weiterhin expansive Politik fahren würden. Nur so lässt es sich erklären, dass sich der Aktienmarkt vergleichsweise wacker schlägt, während Bund- und Treasury-Renditen ins scheinbar Bodenlose fallen.

 

Während die Sorgen des Marktes durchaus berechtigt sind, erscheinen die jüngsten Marktbewegungen dennoch extrem. Denn wenngleich die Verbreitung der Delta-Variante besorgniserregend ist, ist auch festzuhalten, dass mittlerweile viele Menschen geimpft sind. Eine Extremsituation, wie wir sie im letzten Jahr hatten, dürfte also nicht erneut auftreten. Neue wirtschaftliche Rückschläge sind damit sicherlich nicht ausgeschlossen, sie werden den Post-Corona-Boom jedoch nicht komplett aus der Bahn werfen. Und damit stehen wir im Juli in vielerlei Hinsicht wieder da, wo wir Anfang des Jahres waren: mit der Erwartung, dass sich das Wachstum erholen und die Inflation nur temporär steigen wird, dies jedoch auf absehbare Zeit keine drastischen Maßnahmen seitens der Zentralbanken notwendig machen bzw. rechtfertigen wird. Dazu passt dann auch, dass sich die Renditen wieder auf moderateren Niveaus bewegen und sich am Devisenmarkt klare Gewinner und Verlierer immer weniger deutlich ausmachen lassen sollten.

 

Sonja Marten


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