Großbritannien boomt, steuert aber auf erhebliche Risiken zu

Die britische Wirtschaft befindet sich gerade inmitten einer kräftigen Konjunkturerholung – kräftiger als in den meisten anderen europäischen Ländern. Die Wirtschaftsleistung hat im Frühjahr deutlich zugelegt, nach neuesten Daten allein im Monat Mai um 0,8%. Das war zwar ein nicht ganz so kräftiger Anstieg wie von vielen erwartet, für das gesamte, soeben abgelaufene zweite Quartal zeichnet sich trotzdem ein Wachstum jenseits von 4% gegenüber dem Vorquartal ab. Damit dürfte Großbritannien selbst das absehbar hohe Wachstum in den USA übertreffen – das des Euro-Raums sogar um Längen.

 

Natürlich hat die britische Wirtschaft nach dem tiefen Fall im vergangenen Jahr auch einen enormen Aufholbedarf. Zu verdanken hat sie den kräftigen Aufschwung aber in erster Linie der über einen längeren Zeitraum sehr guten Corona-Politik der britischen Regierung: Der sehr schnellen Impfkampagne, die es ermöglichte, nach einer langen, konsequenten Lockdown-Phase zu Beginn des Jahres beherzte, gut kommunizierte Lockerungsschritte zu wagen.

 

Allerdings scheint dieses Augenmaß längst wieder verloren gegangen zu sein, Großbritannien droht die Erfolge der letzten Monate aufs Spiel zu setzen. Die Ausbreitung der Delta-Variante hat die Inzidenzzahlen auf den britischen Inseln in wenigen Wochen wieder von unter 20 auf über 200 schnellen lassen. Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht, denn das Infektionsgeschehen ist weiterhin exponentiell. Trotzdem lässt die britische Regierung nicht nur nahezu volle Stadien während der Fussball-Europameisterschaft zu, sondern hält auch am finalen Lockerungsschritt am 19. Juli erst einmal stoisch fest.

 

Das ist ein gewagtes Vorgehen. Sicherlich bietet die gute Impfquote von rund 50% bei den vollständig geimpften Personen einen gewissen Schutz, so dass sich die hohen Inzidenzen nicht auch gleich wieder in genauso hohen Krankenhauseinweisungen niederschlagen werden wie im vergangenen Jahr. Bei einem sehr lebhaften Infektionsgeschehen werden aber zwangläufig nicht nur die Intensivstationen wieder voller. Es steigt auch das Risiko, dass das Virus neue Fluchtmutationen ausbildet, die dann womöglich den Impfschutz noch stärker unterlaufen als „Delta“.

 

Es bleibt daher zu hoffen, dass die britische Regierung Vernunft walten lässt und nicht nur die noch geplanten Lockerungsschritte aussetzt, sondern wie Portugal oder Spanien wieder strengere Maßnahmen verordnet, um das Infektionsgeschehen einzudämmen. Das aber würde den Aufschwung der britischen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte wieder deutlich bremsen.

 

-- Monika Boven

 


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