China: Frachterstau setzt globale Lieferketten weiter unter Druck

Dass die chinesischen Behörden zur Einhaltung ihrer Null-Covid-Strategie bereit sind, auch zu rigorosen Maßnahmen zu greifen, ist spätestens seit Anfang dieses Jahres bekannt. Im Januar führte ein – aus hiesiger Sicht – minimaler Ausbruch mit nur wenigen hundert Infizierten im Umland von Peking zu millionenfachen Testungen, Massenquarantäne und letztlich zur De-Facto-Absage des anstehenden Neujahrsfestes. Aktuell sorgt ein erneutes Aufflackern des Infektionsgeschehens in der südchinesischen Provinz Guangdong für Probleme, deren Auswirkungen sogar wohl weit über China hinausreichen werden. Betroffen ist der Containerhafen Yantian nahe Hongkong, der aufgrund eines erneut sehr kleinen Corona-Ausbruchs seit Ende Mai zu weiten Teilen lahmgelegt ist. Mehrere Dutzend Frachter liegen vor dem Hafen vor Anker und warten auf ihre Löschung. Zwischenzeitlich waren es sogar über hundert.

 

Das erinnert an die Staus vor dem Suez-Kanal im März, als ein havarierter Frachter sechs Tage lang eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt blockierte. Nun werden durch den ägyptischen Kanal rund 10% des jährlichen Welthandelsvolumens transportiert, Yantian dürfte aber immerhin für bis zu 4% des globalen Handels stehen. Der Frachthafen der Industriemetropole Shenzhen ist der der viertgrößte Hafen der Welt mit einem Umschlagsvolumen von 25,8 Millionen Standardcontainern (TEU) im vorletzten Jahr. Chinas wirtschaftsstärkste Provinz Guangdong produziert allein rund ein Viertel aller chinesischen Exporte.

 

Die gute Nachricht ist: Die Infektionszahlen in Guangdong bilden sich zurück, der Hafenbetreiber erwartet, dass Yantian Ende des Monats zum Normalbetrieb zurückkehren kann. Damit hat die Behinderung gleichwohl deutlich länger gedauert als die Suez-Blockade und es wird darüber hinaus wohl Wochen dauern, bis der Rückstau der Frachter abgearbeitet ist. Der Schaden für den Welthandel dürfte daher höher ausfallen als im Frühjahr.

 

Lähmen dürfte die Störung den globalen Handel zwar nicht, der läuft aktuell auf Hochtouren. Aber die ohnehin massiv angespannten globalen Lieferketten werden durch die Verzögerungen wohl noch stärker aus dem Takt geraten als bisher, wodurch sich der Druck auf die schon jetzt enorm gestiegenen Frachtkosten weiter erhöhen dürfte. Außerdem könnten sich bereits bestehende Knappheiten verschärfen, beispielsweise von Baustoffen, die in Guangdong im großen Stil hergestellt werden. Die wichtigsten Produkte der Provinz sind allerdings Elektronikgeräte wie Mobiltelefone, die über Yantian hauptsächlich in die USA verschifft werden. Dort beginnen die Großhändler in den kommenden Wochen, ihre Lager für das diesjährige Weihnachtsgeschäft aufzustocken. Damit besteht das Risiko, dass sich die aktuellen Lieferverzögerungen in empfindlichen Produktknappheiten niederschlagen werden, die letztlich der Endverbraucher mit höheren Preisen bezahlen muss.

--Monika Boven


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