Deutscher Wohnungsmarkt: Neubau steigt 2020 auf 20-Jahres-Hoch, zielt jedoch am Bedarf vorbei

In vielen Städten klagen Wohnungssuchende über das knappe Angebot. Doch die Anspannung am Wohnungsmarkt nimmt allmählich ab, auch wenn die stark steigenden Immobilienpreise das Gegenteil vermuten lassen. Dafür sind vor allem die 2020 auf ein historisches Tief gesunkenen und aktuell weiterhin sehr niedrigen Zinsen für Immobilienkredite verantwortlich. Dagegen spiegelt der abgebremste Anstieg der Wohnungsmieten die günstigere Relation aus Wohnungsangebot und -nachfrage besser wider.

 

Einerseits hat sich das Bevölkerungswachstum erheblich verlangsamt, 2020 ist es ganz zum Stillstand gekommen. Auch der Zuzug in die Großstädte ist schwächer geworden. Andererseits legen die Neubauzahlen zu. Trotz Corona konnten im vergangenen Jahr erstmals seit 2001 mehr als 300.000 Wohnungen gebaut werden. Die exakte Zahl hat das Statistische Bundesamt Ende Mai veröffentlicht: Von 306.376 Wohnungen entfallen rund 108.000 auf Eigenheime (Ein- und Zweifamilienhäuser), 153.000 auf Mehrfamilienhäuser sowie 45.000 auf bestehende Gebäude, Nichtwohngebäude und Wohnheime.

 

Die gestiegenen Neubauzahlen dürften zusammen mit dem nachlassenden Rückenwind leicht steigender Zinsen das Preistempo verlangsamen. Darüber hinaus könnten sich am Wohnungsmarkt regionale und segmentspezifische Ungleichgewichte verstärken. Die Zahl der privaten Haushalte steigt zwar unentwegt an. Dieses Wachstum geht aber fast vollständig auf Einpersonenhaushalte - plus 5 Mio. binnen 25 Jahren - als Folge der gesellschaftlichen Alterung zurück. Dagegen ist die Zahl der Haushalte mit drei und mehr Personen in dieser Zeit um 2 Mio. gesunken. Und der Trend hält an, denn nun erreichen nach und nach die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge das Seniorenalter.

 

Die Demografie spricht in den nächsten Jahren für einen wachsenden Bedarf an kleineren Wohnungen, in denen auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität gut zurechtkommen. Während sich hier ein anhaltender Mangel abzeichnet, könnte die Nachfrage nach Einfamilienhäusern leiden. Diese entstehen nicht selten auf dem Land, wo Grundstücke gut verfügbar und vergleichsweise günstig sind. Seit 1995 sind trotz sinkender Familienzahlen fast vier Mio. Wohneinheiten in Ein- und Zweifamilienhäusern gebaut worden. Auch wenn Eigenheime aktuell stark gefragt sind, auf Dauer könnten sie zum Ladenhüter werden.

 

-- Thorsten Lange



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