Kommt der „digitale Dollar“ der Fed?

Beim Thema digitale Zentralbankwährungen (CBDC) gab sich die Federal Reserve bislang eher zurückhaltend. Dies hat sich spätestens seit gestern geändert. Laut dem US-Notenbankvorsitzenden Powell soll noch in diesem Sommer ein Diskussionspapier veröffentlicht werden. Hierin wollen die Währungshüter ihre derzeitigen Überlegungen im Bereich digitaler Zahlungen mit besonderem Fokus auf die möglichen Vorteile und Risiken einer CBDC-Variante des US-Dollars darlegen. Ziel sei es, die öffentliche Diskussion anzuregen. Außerdem soll auf Basis der Ausarbeitung eine Umfrage gestartet werden. Erst im Anschluss will die Fed darüber entscheiden, ob und wie eine US-amerikanische digitale Zentralbankwährung angegangen wird. Bereits vorab stellte Powell klar, dass eine CBDC „nur“ eine Ergänzung (und kein Ersatz) zum bestehenden Geldsystem aus Bar- und dem Buchgeld des privaten Finanzsektors sein kann.

 

Einen ähnlichen Weg wie die Fed hat die Europäische Zentralbank bereits im Herbst vergangenen Jahres eingeschlagen. Ebenfalls auf Basis eines CBDC-Diskussionspapiers wurde eine Umfrage gestartet, deren Ergebnisse im April vorgestellt wurden. Im Sommer, Gerüchten zufolge soll es im Juli so weit sein, will der EZB-Rat darüber entscheiden, ob das Projekt „Digitaler Euro“ gestartet wird. Alles andere als ein „Go“ wäre eine riesige Überraschung. Deutlich fortgeschrittener ist das Projekt der People’s Bank of China. In Pilotregionen laufen bereits konkrete Anwendungen des „digitalen Yuan“, in spätestens zwei Jahren soll die CBDC auf breiter Front eingesetzt werden. Zwar dürften die Bemühungen vorrangig darauf abzielen, die Finanzströme im eigenen Land besser überwachen zu können. Es gibt jedoch nicht gänzlich unbegründete Befürchtungen, Peking könnte auf diese Weise versuchen, der eigenen Währung auf internationaler Bühne größere Bedeutung zu verleihen und dem US-Dollar als Weltleitwährung längerfristig Konkurrenz zu machen.

 

Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig überraschend, dass die US-Notenbank gemäß den Worten ihres Vorsitzenden eine „führende Rolle bei der Entwicklung und Festlegung internationaler Standards für digitale Zentralbankwährungen“ einnehmen will. Neben einer Zusammenarbeit mit US-Regulierern und Aufsehern will Powell dabei auch aktiv auf Zentralbanken in anderen Regionen zugehen. Eher schwierig erscheint in diesem Zusammenhang der Hinweis Powells, dass dies unabhängig davon geschehen soll, ob die US-Variante einer digitalen Zentralbankwährung eingeführt wird oder nicht. Ohnehin dürfte den Verantwortlichen klar sein: Die Vorreiterrolle nehmen bislang andere ein.

 

— Sören Hettler

   


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