Indien: Neue Coronawelle noch nicht gebrochen

Seit Anfang März steht Indien unter dem Schock einer neuen verheerenden Corona-Welle, die unerwartet und binnen kürzester Zeit die Infektionszahlen und die Zahl der Todesfälle hat hochschnellen lassen. Schon am 8. April wurde bei den täglichen Neuinfektionen der Höchstwert der ersten Welle vom letzten September (knapp 100.000) überschritten und am 6. Mai ein neuer Rekordwert von 414.000 neuen Fällen an einem Tag gemeldet. Es ist die höchste Zahl, die seit Pandemiebeginn in irgendeinem Land weltweit gemeldet worden ist. Der 7-Tages-Mittelwert der täglichen neuen Todesfälle belief sich in der ersten Maiwoche auf rund 3800. Hierbei kann man unterstellen, dass die tatsächliche Zahl wohl doppelt bis dreimal so hoch ist, da in Indien nur solche Fälle in die Corona-Statistik eingehen, wenn die Betroffenen in einem Hospital verstorben sind.  

 

Die Dynamik der neuen Infektionswelle scheint sich zwar nun im großen Bundesstaat Maharashtra, wo sie ihren Anfang nahm, endlich zurückzubilden. Aber die Lage etwa in Mumbai und in Neu Delhi ist weiter akut. Dabei wird die Ausbreitung des Virus in die anderen Landesteile Indiens vorerst weitergehen. Dies bedeutet, dass bestehende Schutzmaßnahmen verschärft werden und neue Lockdowns sowie Maßnahmen zur Einschränkung der Mobilität notwendig sind.

 

Die Konsequenz all dessen sind Bremseffekte für Indiens Wirtschaftswachstum, das nach dem schlimmen letzten Jahr gerade erst wieder in Schwung gekommen zu sein schien. Dass diese zweite große Welle auf dem indischen Subkontinent bereits bis Ende Mai oder Anfang Juni gebrochen werden kann, ist eine gewagte These. Besonders hart getroffen ist einmal mehr Indiens Dienstleistungssektor, der Umsatzeinbußen tragen muss. Auch im so genannten Informellen Sektor, von dem viele Tagelöhner, Aushilfskräfte und Kleingewerbetreibende existenziell abhängen, wird leiden. Die Arbeitslosigkeit wird sich deutlich erhöhen und das Armutsproblem im Lande sich verschärfen. Demgegenüber dürfte zumindest die Industrie halbwegs glimpflich aus der aktuellen Krise hervorgehen.

 

Vor dem Hintergrund der dramatischen Corona-Entwicklungen haben wir die Prognose für das diesjährige Wirtschaftswachstum Indiens herabrevidiert, von zuvor +11,8 auf nur noch +9,5%. Die Notenbank hat signalisiert, dass sie – trotz der aktuell hohen Inflation – vorerst weiter auf restriktive Schritte verzichten wird. Die Regierung in Neu Delhi wird gezwungen sein, fiskalisch noch mehr gegenzusteuern als bislang geplant. Das staatliche Budgetdefizit könnte so dieses Jahr in die Nähe von 10% des BIP getrieben werden.

 

Dr. Rütger Teuscher

 


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