EZB bekämpft Renditeanstieg

In den zurückliegenden Wochen sind die zehnjährigen Renditen dies und jenseits des Atlantiks synchron und teils deutlich angestiegen. In den USA haben die US-Währungshüter erklärt, dass sie sich dem jüngst gesehenen Anstieg der US-Renditen nicht in den Weg stellen werden. So sehen die Fed-Oberen die Renditeentwicklung als „Vertrauensbeweis“ in den Konjunkturaufschwung.  Im weiteren Verlauf des Jahres dürfte sich der wirtschaftliche Aufschwung kräftig beschleunigen. In diesem Zuge wird der Preisdruck zumindest temporär zunehmen. In Anbetracht dieser Perspektiven – robuste Konjunktur und steigende Inflationsraten – ist auch ein moderater Anstieg der Renditen gerechtfertigt und für die Wirtschaft zu verkraften. Zusätzliche Maßnahmen zur Eindämmung der steigenden Renditen wird die US-Notenbank wohl nicht ergreifen.

Aufgrund des schnellen Impffortschritts und der umfangreichen geld- sowie fiskalpolitischen Hilfen könnte der Druck auf die US-Renditen kurzfristig hoch bleiben. Hier besteht die Gefahr, dass die zehnjährigen Bundrenditen mitgezogen werden. Eine große Errungenschaft der Europäischen Zentralbank seit der Eurokrise war es, die hohe Korrelation zwischen Bundrenditen und US-Treasury-Renditen zu senken. Diese Errungenschaft wäre nun gefährdet, wenn die EZB einen Anstieg der Renditen und damit der Kreditkosten ausgehend von der Renditedynamik in den Vereinigten Staaten zulassen würde.

Vor diesem Hintergrund hat der jüngste Renditeanstieg den Unmut bei etlichen europäischen Währungshütern hervorgerufen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat sich zu der Aussage hinreißen lassen, dass man die Situation genau beobachten werde. Andere EZB-Währungshüter, allen voran Chefvolkswirt Philip Lane, wurden noch deutlicher. So sagte Lane, dass die EZB keine unangemessene Verschärfung der Finanzierungskonditionen dulden werde. Des Weiteren führte er aus, dass die Wertpapierkäufe im Rahmen des Pandemie-Notfallprogramms (PEPP) jederzeit hochgefahren werden könnten.

Die EZB versucht mit diesen Aussagen, die Finanzierungskosten über die gesamte Kurve zu kontrollieren. Grund hierfür dürfte sein, dass die konjunkturelle Entwicklung in der Eurozone noch sehr fragil ist. Sollte sich der Renditeanstieg in den kommenden Monaten ungebremst fortsetzen, zeigt die verbale Reaktion der EZB-Währungshüter, dass die Notenbank vor einer Erhöhung des geldpolitischen Expansionsgrades nicht zurückschreckt.

Die hat EZB genügend Feuerkraft, um einen möglichen fortgesetzten Renditeanstieg zu unterbinden. So ist das bestehende PEPP vom Volumen groß genug, um notfalls die Anleihekäufe in den kommenden Wochen und Monaten zu beschleunigen. Neben der Erhöhung des monatlichen Kaufvolumens besteht außerdem die Möglichkeit, dass die EZB ihre Käufe am langen Ende der Renditekurve konzentriert. Das PEPP ist sehr flexibel und die europäischen Währungshüter dürften je nach Bedarf den Ermessungsspielraum ausnutzen, um einen weiteren Renditeanstieg zu begrenzen.

Trotz des rhetorischen Eingriffs der EZB in den Markt, um die konjunkturelle Erholung nicht zu gefährden, ist die verbale Intervention der EZB nicht ohne Kritik zu sehen. Denn auch in der Eurozone ist absehbar, dass die wirtschaftliche Erholung an Fahrt aufnehmen wird. Gleichzeitig dürften in diesem Umfeld die Inflationsraten zumindest temporär steigen. Der Zeitpunkt wird kommen, wenn der Aufwärtsdruck auf die zehnjährigen Bundrenditen nicht nur von den Vereinigten Staaten ausgehen wird, sondern das verbesserte makroökonomische Umfeld der Eurozone widerspiegelt. In einem Umfeld, in dem die Wirtschaft kräftig anzieht und die Inflationsraten steigen, stellt sich die Frage, ob Eingriffe der EZB in den Markt zur Reduzierung des Renditeniveaus angemessen sind. Zwar wird die EZB wohl vorerst eine erhebliche und schnelle Verschlechterung der Finanzierungskosten verhindern. Je länger die Währungshüter jedoch diese Bewegung herauszögern, insbesondere, wenn die Fundamentaldaten dies hergeben, desto größter ist die Gefahr, dass ein Renditeanstieg sprunghaft und sehr kräftig ausfällt. Diese Entwicklung wäre ein großes Risiko für die Finanzmärkte und die Realwirtschaft. Zeichnet sich die konjunkturelle Erholung in der Eurozone klarer ab, dürfte die EZB ihre Rhetorik verändern und sich nicht mehr mit Verbalinterventionen gegen den Renditeanstieg stellen.

Birgit Henseler


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