5 Jahre Nullzinspolitik – Zeit für ein kurzes Résumé

Fünf Jahre Nullzinspolitik stellen eine gefühlte Ewigkeit dar. Insbesondere wenn man bedenkt, dass seit Einführung des Euro die bis dahin längste Phase unveränderter Leitzinsen gut zwei Jahre andauerte. Zwischen Juni 2003 und September 2005 lag der Hauptrefinanzierungssatz konstant bei 2%. In den restlichen Jahren bis 2016 waren regelmäßige Anpassungen eher die Norm. Gut möglich, dass die EZB auch nach März 2016 den Hauptrefinanzierungssatz gerne weiter gesenkt hätte – aber mit einem Niveau von 0% war eine untere Grenze erreicht. Als Ausweichinstrument bot sich nur noch der Einlagesatz, der schrittweise bis auf -0,5% gesenkt wurde.

Das ursprüngliche Ziel, mit einer derart weiten Absenkung der Leitzinsen deflationären Tendenzen entgegenzuwirken, dürfte die EZB erreicht haben. Allerdings kann das nur als Minimalziel verstanden werden. Schließlich besteht das Mandat der EZB darin, mit einer Inflationsrate von knapp unter 2% die Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten. Vor dem Hintergrund, dass die durchschnittliche Inflationsrate in den letzten fünf Jahren bei etwa 1% lag, ist dieses Ziel noch lange nicht erfüllt. Damit dürfte die ultra-expansive Geldpolitik auch in den kommenden Jahren weiter fortgesetzt werden. Selbst wenn sich abzeichnet, dass das Inflationsziel nachhaltig erreicht wird, muss die EZB bei einem Straffen der geldpolitischen Zügel die Finanzierungsbedingungen sowie die Schuldentragfähigkeit der Euro-Länder genau im Auge behalten. Da nach den hohen Fiskalausgaben im Zuge der Corona-Pandemie bereits eine Reduzierung der Netto-Anleihekäufe eine schmale Gratwanderung zu sein scheint, dürften Gedanken an eine Leitzinserhöhung in die fernere Zukunft rücken.

Somit könnte sich die Rückkehr deutscher Staatsanleihen als Anlagemöglichkeit mit positiven Renditen für Privatinvestoren noch länger hinziehen. Dementsprechend wenig überraschend ist es, dass immer mehr Marktteilnehmer auf der Suche nach Alternativen an den Aktienmärkten aktiv werden. Angesichts der im internationalen Vergleich geringen Kapitalmarktpartizipation der Privatanleger in Kontinentaleuropa ist dies ein Trend, der noch ausreichend Potenzial bietet, um sich fortzusetzen. Aber nicht allein diese gestiegene Nachfrage hat in den vergangenen Jahren die Aktienmärkte beflügelt. Vielmehr haben sie sich als Profiteure der Nullzinspolitik herausgestellt, da diese den Unternehmen günstige Refinanzierungsbedingungen gesichert hat. Auch das Niedrigzinsumfeld gleicht somit einer Medaille, bei der es in den letzten fünf Jahren nicht nur die Verlierer-, sondern genauso die Gewinnerseite gab.

-- Sophia Oertmann


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