Ratingagentur sieht vor allem Pharmakonzerne mit starker US-Präsenz mit hohen sozialen Risiken konfrontiert

Bei der Emission von Unternehmensanleihen gewinnt die Thematik ESG (Environmental, Social, Governance; zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) immer mehr an Bedeutung. In diesem Zusammenhang wurden aktuell die Einflüsse der Wahrnehmung des jeweiligen Sektors in der Gesellschaft, der Einfluss auf gesetzgeberische Maßnahmen und die rechtlichen Risiken der jeweiligen Branchen von der internationalen Ratingagentur Moody’s in einer branchenübergreifenden Studie untersucht. Ziel war es, den möglichen Einfluss dieser Faktoren auf die Bonität der Unternehmen einzuschätzen.

Bei der Pharmabranche wurde Moody’s in besonderem Maße fündig. Die Agentur sieht in der  Pharmabranche hohe sogenannte „soziale Risiken“. Der größte Risikofaktor ist dabei das Thema „Wahrnehmung der Preisgestaltung“ in der Gesellschaft. Medikamente werden in der Bevölkerung häufig als sehr teuer wahrgenommen und sind auch ein bedeutender Kostenblock für die Gesundheitssysteme in den jeweiligen Ländern. Entsprechend groß ist der Druck auf die Gesetzgeber, in diesem Bereich eine Kostenexplosion zu verhindern bzw. Kostensenkungen zu erzielen. Beliebte Maßnahmen der Gesetzgeber/Krankenkassen zur Kosteneindämmung sind beispielsweise mandatorische Preissenkungen auf den Listenpreis, Koppelung der zulässigen Preiserhöhungen an die Inflationsrate oder Koppelung des zulässigen Verkaufspreises an den in anderen, vergleichbaren Märkten verlangten Preis. Bei Generika sind regelmäßige Ausschreibungsverfahren für Wirkstoffgruppen üblich. Regional betrachtet ist das Risiko staatlicher Eingriffe in dem mit Abstand größten und lukrativsten Markt, den USA, am höchsten. Das gilt besonders mit Blick auf die Agenda der Biden-Administration. Ein hohes Risiko für die Profitabilität der Pharmakonzerne durch staatliche Interventionen sehen die Moody’s-Analysten auch in Brasilien, Deutschland und Japan. Ein weiteres Thema, das in erster Linie den US-Markt betrifft, sind Produkthaftungsklagen aufgrund der in den USA etablierten Klageindustrie. Ähnliches gilt für die Opioid-Krise, in die nur wenige Firmen involviert sind und die ebenfalls vor allem den US-Markt betrifft.

Gut positioniert, um den Einfluss der sozialen Risiken auf die Bonität zu meistern, sieht Moody’s Unternehmen mit einer breiten geografischen Präsenz bei überschaubarem Engagement im US-Markt, einem gut diversifizierten Produktportfolio und einem Fokus auf Produkte mit hohem ungedeckten medizinischen Bedarf.  Tendenziell sind die Hersteller von Originalpräparaten mit Patenschutz etwas besser als Generika-Anbieter gegen Preisdruck gewappnet. Zukäufe, die das Produktportfolio stärken, würden zwar gegen Preisdruck helfen, gingen aber häufig mit einer Schwächung des Finanzprofils einher. Als von diesen Risiken besonders betroffene Unternehmen nennt Moody’s unter anderem Amgen, während als breit diversifizierte Branchenvertreter GlaxoSmithKline, Novartis und Sanofi genannt werden.

-- Nina Kilb


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