Ölpreis außer Rand und Band

Der Rohölpreis hakt in großen Schritten die Corona-Pandemie ab. Erste Marktauguren hantieren bereits mit dreistelligen Prognosen. Dass die Opec und andere Energiebehörden zuletzt ihre Nachfrageschätzungen für 2021 reduziert haben, wird vollständig ausgeblendet. Wir rechnen zwar damit, dass sich die Ölnachfrage in den nächsten Monaten zügig erholt, allerdings halten wir Vor-Corona-Niveaus erst Mitte 2022 für wahrscheinlich und nicht schon im Sommer 2021!

Das aktuelle Ölpreisniveau ist unseres Erachtens ausschließlich liquiditätsgetrieben. Dies macht der „Backwardation-Trade“ möglich, den die stark abfallende Terminkurve erlaubt. Am langen Ende werden aktuell Rohölpreise bei etwa 55 USD gehandelt. Anleger können bei der aktuellen Terminkurven-Konstellation einen Rollertrag von etwas mehr als einem Prozent pro Monat realisieren. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld ist das geradezu üppig. Die Netto-Long-Position der Spekulanten stieg daraufhin spürbar an.

Der Markt negiert ebenfalls die Flexibilität der Angebotsseite. Schon nächste Woche beim Opec-Meeting am 4. März dürfte eine Erhöhung der Ölproduktion beschlossen werden. Selbst Saudi-Arabien denkt bereits laut darüber nach, die unilaterale Produktionskürzung vom Januar zurückzunehmen. In den USA wird nach kältebedingten Ausfällen in Texas die Outputmenge auch bald wieder nach oben skaliert werden. Auf der Angebotsseite geht auch das norwegische Johan Sverdrup Ölfeld mit einer Kapazität von bis zu 0,6 Millionen Barrel pro Tag völlig unter. Last-but-not-least spricht die hohe Opec-Reservekapazität für einen friktionsfreien Anstieg der Fördermenge der Wüstenstaaten.

Um es auf den Punkt zu bringen, sind die Rohölpreise ihren fundamentalen Vorgaben davongelaufen. Allerdings kann die Rallye in den nächsten Wochen noch eine Weile anhalten. Nachhaltig sind die Notierungen mit Blick auf die Jahresmitte aber nicht. Preisrücksetzer sind daher wahrscheinlich. Unsere 12-Monatsprognose belassen wir vorerst bei 63 USD. Nichtsdestotrotz hellen sich die Nachfrageperspektiven 2022 weiter auf. Bei der „Vorwärtsrolle“ unserer Prognose unterstellen wir daher einen aufsteigenden Prognosepfad.

-- Gabor Vogel


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